Wachstum: Österreich liegt – noch – vor Deutschland

Heimische Wirtschaft konnte Ostöffnung deutlich stärker nutzen, Deutschland holt nun aber auf.

wien (dom). Seit Anfang der 90er Jahre steht Österreich wirtschaftlich besser da als Deutschland. 1991 wurde das Nachbarland in der Kategorie Wirtschaftsleistung pro Kopf überholt, 2004 dann auch das frühere Westdeutschland. Während Deutschland die Belastungen aus der Wiedervereinigung verkraften musste, erlebte Österreich durch den EU-Beitritt einen Produktivitätsschub. Von der Ostöffnung profitierte Österreich weit stärker als das Nachbarland. Das geht aus einer Studie der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) hervor, in welcher die Wachstumsunterschiede zwischen Deutschland und Österreich analysiert werden.

Sowohl in Österreich als auch in Deutschland stieg der Anteil der Exporte in die neuen EU-Länder an den Gesamtausfuhren seit 1995 kontinuierlich an. In Österreich lag er 2006 bei rund 15 Prozent, in Deutschland nur bei knapp über zehn Prozent. Von der gesamten Wirtschaftsleistung Österreichs machen die Ostexporte etwa sechs Prozent aus. Der Vergleichswert für Deutschland liegt bei nur zwei Prozent, erklärte OeNB-Direktor Josef Christl am Freitag vor Journalisten.

„Bremse“ Wiedervereinigung

Auch die Direktinvestitionen in Osteuropa sind in Österreich relativ größer als in Deutschland. Während Österreich sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sofort in den Reformstaaten engagierte, konzentrierte sich die deutsche Wirtschaft zuerst auf die neuen Bundesländer.

Im Zeitraum 2000 bis 2005 lag das Wirtschaftswachstum in Österreich jährlich im Schnitt um 0,8 Prozentpunkte über jenem von Deutschland. 2006 und voraussichtlich auch 2007 wächst die heimische Wirtschaft ebenfalls stärker als die deutsche.

Laut Christl hat sich Deutschland von den Belastungen durch die Wiedervereinigung inzwischen erholt. „Der Wachstumsvorsprung von Österreich wird schrumpfen,“ betonte der Notenbank-Direktor. Wann Deutschland gegenüber Österreich wirtschaftlich wieder die Nase vorn haben werde, wollte er nicht prognostizieren. Es sei aber auch kein Nachteil, wenn Österreich von Deutschland wieder überholt werde, denn eine florierende deutsche Wirtschaft sei wegen der starken Verflechtung auch für Österreich positiv. Wichtig wäre, dass Österreich sich nicht auf den bisherigen Erfolge ausruht, sondern die nötigen Reformen konsequent umsetzt.

Die neuen EU-Mitgliedsländer werden nach Einschätzung der OeNB auch in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren beim Wachstum um mindestens 1,5 bis zwei Prozent p. a. vor der EU-15 liegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2007)

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