Nur um sie sterben zu sehen?

PSYCHOLOGIE. Was weiß die Wissenschaft über Grausamkeit? Man sollte sie jedenfalls streng von Aggressivität unterscheiden. Eine Spekulation: Die Freude am Leid anderer ist pervertiertes Mitleid.

Horrorgeil“ seien sie gewesen, sagten die drei jungen Steirer, als sie das Motiv für ihre geplante Tat erklärten: Eine Frau erst zu vergewaltigen und dann zu töten. Das Wort „geil“ ist in der Jugendsprache weitgehend entsexualisiert, aber hier bezeugt es doch die libidinöse Komponente der Grausamkeit. Diese macht einen wesentlichen Unterschied zur Aggressivität aus: Kaum ein Aggressiver würde seine Ausbrüche als lustvoll beschreiben, er strebt sie auch nicht an, sie „passieren“ ihm.

Aggression erscheint uns einleuchtender, erklärbarer, ja: natürlicher als die schiere Lust am Leiden anderer, sie nährt sich ganz offensichtlich aus anderen Quellen – und doch bringen es praktizierende Psychologen bis heute fertig, die beiden Phänomene durcheinanderzubringen. Sie stehen in ihrer Ratlosigkeit in der Tradition von Erich Fromm, der in seiner „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ schließlich nur schlicht zwischen „biophilen“ und „nekrophilen“ Charakteren unterschied.

Das Rätsel blieb und bleibt: Woher kommt Grausamkeit? Auch „philosophische“ Interpretationen tappen im Dunkeln: „Schule der Libertinage“ nannte der Marquis de Sade die sadistischen Exzesse in den „120 Tagen von Sodom“. Diese Interpretation der Grausamkeit als ins Extrem getriebene Freiheit des Individuums gefiel manchen Existenzialisten, doch auch sie lässt offen: Was treibt den Sadisten?

Es gibt keine sinnvolle Grausamkeit

„Einfach das Sterben eines Menschen beobachten“ wollten die drei Steirer laut eigener Aussage. „I shot a man in Reno just to watch him die“, sang Johnny Cash im „Folsom Prison Blues“ 1970 vor Häftlingen, aufrauschender Applaus folgte der Zeile. Einfach so. Auch das ist keine Antwort, genauso wenig wie die Rede von der „sinnlosen“ Grausamkeit, die impliziert, dass sie auch sinnvoll sein könnte. Das scheint uns unvorstellbar: Selbst Folter, die dazu dient, um Geständnisse zu erpressen, die z.B. vielen Menschen das Leben retten – diese Rechtfertigung ist an sich ethisch umstritten –, bedarf ja nicht notwendigerweise der Grausamkeit der Folterknechte.

So stehen auch die Evolutionsbiologen, die naiverweise meinen, dass alle Verhaltensweisen an und für sich irgendeinen, wenn auch verborgenen Sinn haben sollten, da sie sonst die (natürliche) Selektion nicht überstehen würden, vor einem Rätsel. Es gibt natürlich auch Eigenschaften, die als „unerwünschte Nebenwirkung“ vorteilhafter Eigenschaften entstehen – und man sollte auch anatomische „Zufälligkeiten“ nicht ausschließen. Man denke etwa an die Fuß-Erotik und die abenteuerlichen Begründungen, die Freud für sie fand. Heute vermuten ernst zu nehmende Forscher, dass sie einfach dadurch entsteht, dass die Orte der Repräsentation von Genitalien und Füßen im Gehirn so nahe beieinander liegen und sich bisweilen Synapsen ein wenig verirren.

Falsch geschaltete Spiegelneuronen?

Grausamkeit, wie wir sie hier verstehen, ist nicht nur Gleichgültigkeit gegen fremdes Leiden, sondern Lust daran; nicht nur Mangel an Mitleid, sondern quasi dessen Pervertierung, dessen Umkehr in Freude am Leid anderer. Wenn es wahr ist, dass Mitleid auf der Aktivität von Spiegelneuronen beruht (Nervenzellen, die bei der Beobachtung der Aktivitäten von anderen Individuen so reagieren, als ob man selbst diese Aktivitäten ausführte), dann reicht es für Grausamkeit nicht aus, dass diese überhaupt nicht funktionieren. Das scheint bei Autisten so zu sein und soll deren mangelnde Anteilnahme erklären. Kann es sein, dass Spiegelneuronen bei Grausamkeit falsch mit emotionalen Zentren verschaltet sind? Und was ist mit Angst: Genießen Horrorfilm-Freunde die eigene Angst oder die Angst der handelnden Personen? Oder sind die beiden – womöglich wieder über Spiegelneuronen – verbunden?

Genug der neurologischen Spekulation. Niemand wird bestreiten, dass Grausamkeit wie alle „höheren“ Charaktereigenschaften keinesfalls rein genetisch bedingt, sondern auch durch die Kultur geprägt ist. Es ist etwa undenkbar, dass das gehäufte Vorkommen von Grausamkeit im NS-Regime an genetischen Besonderheiten der Deutschen liegt – sehr wohl kann sie an kulturellen Besonderheiten liegen. Auch scheint Grausamkeit im Lauf der Geschichte tendenziell weder ab- noch zuzunehmen, sie ist kein Produkt des „Fortschritts“, aber auch kein „Rückfall“ in Barbarei. „Beim Lesen solcher Berichte werden wir versöhnlicher gegen unsere eigene Unvollkommenheit gestimmt“, schrieb Will Durant in seiner „Kulturgeschichte der Menschheit“ nach der Wiedergabe eines entsetzlichen Tätigkeitsberichts des assyrischen Königs Assur-Nasirpal.

Abu Ghraib ist nicht immer und überall

Kein Volk, keine Nation ist an sich „kriegerisch“, aber in der Geschichte vieler Völker, Nationen gibt es kriegerische Phasen. Und in solchen kommt auch Grausamkeit häufiger vor, wohl einfach weil sie geduldet, wenn nicht sogar gefördert wird. Es scheint, dass ein gewisser Anteil der Bevölkerung zur Grausamkeit bereit ist, aber diese Bereitschaft latent bleibt, wenn sie nicht aktiviert wird. Von den folternden US-Soldaten im Abu-Ghraib-Gefängnis hätte wohl nur ein kleiner Bruchteil daheim seine Grausamkeit ausgelebt, wo das unter strengster Strafe und gesellschaftlicher Ächtung steht.

Wie wird Grausamkeit von einer Generation auf die nächste weitergegeben? Vor allem die Psychologin Alice Miller hat in vielbeachteten Büchern wie „Am Anfang war Erziehung“ hervorgehoben (und an „prominenten“ Fällen wie Adolf Hitler belegt), dass ein Mensch, der als Kind Grausamkeiten ausgesetzt war, als Erwachsener dazu neigt, selbst grausam zu sein. Das ist gewiss zum Teil wahr, man kann aber nur schwer genetische Faktoren und Einflüsse der Erziehung auseinander halten. Es ist wie mit dem Alkoholismus: Wenn der Sohn so säuft wie der Vater, kann das daran liegen, dass er es von ihm abgeschaut hat, aber auch daran, dass er die Anlage von ihm geerbt hat. Nur Zwillingsstudien (Vergleiche zwischen ein- und zweieiigen Zwillingen) können das klären, aber Testpersonen sind bei einer so geächteten Eigenschaft wie der Grausamkeit verständlicherweise schwer zu finden.

Plädoyer gegen freien Video-Horror

Einer populären These widerspricht unser – geringes – Wissen über die Funktionsweise des Gehirns: der Annahme, dass Menschen, die ihre Grausamkeit virtuell – durch Lektüre, Ansehen von Videos etc. – ausleben, eher darauf verzichten, sie in der realen Welt in Taten umzusetzen. Synapsen, Verbindungen zwischen Nervenzellen, werden umso stärker, je öfter sie aktiviert werden; und virtuelles und reelles Erleben haben die meisten Verschaltungen gemeinsam.

Das spricht gegen allzu liberalen Umgang mit Grausamkeit in Buch, Film oder Computerspiel – genauso wie die hemmende Wirkung der gesellschaftlichen Ächtung. Wenn es mit Augenzwinkern möglich ist, sich Videos zu beschaffen, die die Grenze zum Sadismus überschreiten, dann fühlt der Konsument keine Ächtung und seine Neigung bestätigt. Wie sinnvoll Verbote wirklich sind, aber auch wie sich Neigung zur Grausamkeit in einem Menschen bildet und entwickelt, das muss man erst durch intensive psychologische Studien lernen. Die Psychologie hat hier große Bringschuld; ihre Vertreter sollten sich sehr darum bemühen, Täter, aber auch verhinderte Täter als Studienpersonen zu gewinnen. Über Menschen kann man nur aus Menschen lernen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2007)

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