Slowenien: Wenig Land, viel Zeit

Slowenische Tourismuszentrale
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Einfach reisen, feiern und relaxen. Wer sich stresst, ist selber schuld.

Am 18. 10. 07, um 19:34, läuft das Bier ab. So steht es jedenfalls auf dem Etikett. Oder ist das gar keine Uhrzeit? Unser Wirt weiß es auch nicht. Er meint, Slowenen sähen sich als eine Mischung aus italienischer und deutscher Lebensart – und falls das keine Chargennummer sei, müsse man wohl aufpassen, eine Seite nicht zu übertreiben ...

Jedenfalls schmeckt es auf der Terrasse des Hotel Sport in Postojna. Der Name ist Programm: Duschgelduft und ehrlicher Schweiß begleitet die Aus- und Eingehenden. Die Gegend bietet sich an zum Mountainbiken, von fast eben bis hochalpin, von der 25-km-Tour für Kind und Kegel bis zum Fahrrad-Marathon rund um Slowenien, bei dem man erst nach 40 Stunden vom Sattel fallen darf. Das altehrwürdige Hotel unweit der „Adelsberger Grotte“ – die weltbekannte Tropfsteinhöhle Postojnska Jama – hat so seine moderne Bestimmung gefunden. Nostalgiefreunde werden es lieben, die alten Fotos an den Wänden zu betrachten und über den klappernden Parkettboden im großen Saal zu gehen.

Unter Tag

Alte Substanz mit neuen Ideen erfolgreich zu führen, wird vielerorts ambitioniert versucht – die EU habe dem Land in dieser Hinsicht sehr gut getan, so der Chef. Er fährt gerne selbst mit dem Mountainbike durch die waldige Gegend. Sein Ausflugstipp: der Sickersee bei Cerknica. Ein einzigartiges Gewässer, denn das Wasser verschwindet bei Trockenheit bis auf wenige Teiche. Es verdunstet allerdings nicht, sondern versickert im Kalkstein des Karst.

Und die Höhle? Muss man sie gesehen haben? Kühl ist es in der riesigen Grotte voller Tropfsteine. Und voller Menschen: 29 Millionen waren schon hier. Kleiner, aber feiner sind daher die Grotten von Skocjan, auf der Höhe von Triest gelegen.

Mehr Meer?

Auf der Weiterfahrt liegt dann plötzlich Süden in der Luft. Der Kilometerabstand zur Küste wird einstellig, mediterranes Flair stellt sich ein: Pinien und trockene Wiesen. „Warum die Österreicher immer ans Meer wollen?“ wunderte sich schon der Wirt. Vielleicht haben sei ein Gen, das bei Meeresnähe aufleuchtet: aktiviert!

Piran, das kleine Städtchen am adriatischen Mittelmeer, erfüllt jedenfalls Bilderbuch-Vorstellungen: enge verwinkelte Gassen, Fischerboote im Hafen, eine warme Sonne über allem. Daneben Portoroz, geeignet für jene, die mehr Turbulenz mögen. Dann wären da noch Izola und Koper – und viel mehr Zugang zum Meer gibt es nicht. Das ärgert viele Slowenen, immer wieder gibt es Versuche, von Kroatien oder Italien Land zu gewinnen. Als Tourist merkt man davon nichts. Man zieht einfach die Schuhe aus und stellt sich ins Meer. Und lässt seine Gedanken zum Horizont schweifen.

Aus-Zeit

Wer nach Slowenien reist, kann sich Zeit lassen. Langsamer fahren, stehen bleiben, aussteigen, ankommen. Das Land ist klein, man ist schnell überall. Eine Autobahnabfahrt weiter: Gebirge. Nationalpark. Meer. Oder schon über die Grenze hinaus. Und: Exotik gibt es anderswo. Auf dem Land geht es gemächlich zu, fast klischeehaft: Junge Burschen veranstalten Mutproben auf Hausruinen, aus denen üppiges Grün wuchert; Bienenstöcke sind mit bunten mit Szenen aus Märchen und Sagen bemalt; auf Kaminen nisten Störche; Bahnhöfe, die renoviert werden und deren Schilder in dieser Zeit ersatzlos abmontiert sind; alte Leute auf einer Bank vor der Kirche, versunken in ihren Tratsch. Die EU ist manchmal sehr weit weg. In der Küche von Oma Antonia in Maribor ist sie so präsent wie das ehemalige Königreich und Jugoslawien zugleich: Vier Generationen feiern den 88. Geburtstag der alten Dame. Manche kommen von weit her, man spricht deutsch.

Man spricht von damals, reist in die 50er- und 60er-Jahre. Als Religion heimlich unterrichtet wurde. Als der Liebeskummer einen nach Bregenz oder Hamburg trieb. Als man vom angesehenen Job in der Heimat, die man eng und ohne Zukunft sah, in den Gastarbeiterstatus wechselte. Scheel angeschaut wurde und den Kindern kein Slowenisch beibrachte. Wer kannte schon den Begriff EU? Wer hätte Ostsprachen für wertvoll gehalten? Slowenien habe sich sehr geändert. Man könne jetzt alles kaufen. Alles sehen. Alles tun. Und doch ist die Zeit noch spürbar, in der das alles nicht so einfach war. Der Ketchupfleck auf der Tischdecke bringt wieder ins Heute, das wird der alten Dame nicht gefallen. Doch die nimmt es gelassen: ein Fleck mehr oder weniger in 88 Jahren ...

Hinter Gittern

Tags darauf wartet die Gegenwart mit ihrem stolzesten Trumpf auf: Ljubljana freut sich, wird es mit einem kleinen Paris verglichen, gelegen an der Drau statt an der Seine. Lokale auf den Gassen, an der Uferpromenade, in den Hinterhöfen – überall wird renoviert, konzertiert und gefeiert. Man gibt sich jung und weltoffen.

Wer auf sich hält, schaut auch beim ehemaligen Militärgefängnis vorbei, das heute ein Sozialprojekt mit Touristen-Hostel und Café ist: „Celica“. Die Gäste nächtigen in den ehemaligen Zellen mit individuell designtem Interieur – vom Hochbett bis zur spartanischen Klosterzelle – und mit Gittern vor den Fenstern. Im Erdgeschoss serviert man Obdachlosen warmes Essen, während im Café nebenan die Gäste an den PCs ihre Weblogs tippen.

INFOS & Adressen

Postojnska Jama, Postojna, www.postojnska-jama.si

Skocjan, Höhlen & Nationalpark, www.burger.si/SLOCaves.html

Cerknicko jezero, Sickersee bei Cerknica, Museum Muzejski hram, www.slowenienholidays.com

Mountainbike Park Notranjska, www.touristik.at/de/mountainbike/start.html

Hotel Sport, Postojna, www.sport-hotel.si

Celica, Hostel, Café, Sozialprojekt und Veranstaltungsort, Ljubljana, Metelkova 8, www.souhostel.com

Allgemeine Infos: Slowenisches Tourismusbüro, Opernring 1/R/4, 1010 Wien, T01/715 40 10, www.slovenia.infowww.slowenien-touristik.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2007)


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