Salzburger Festspiele: Kein Pauken für Boris

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Thomas Bernhards Dramendebüt "Ein Fest für Boris" – in einer zerdehnten Inszenierung.

Boris, der Beinlose aus dem Krüppelasyl, darf nicht auf die Pauke hauen. Dieses Protest-Zeichen, ein wesentliches in den Regieanweisungen, bleibt aus bei der Inszenierung von „Ein Fest für Boris“, die am Freitag bei den Salzburger Festspielen im Landestheater 41 Jahre nach der Entstehung des Dramas Premiere hatte. 1966 war das Auftragswerk nicht zur Aufführung gekommen, weil die Politik meinte, man könne dem Publikum diese Persiflage auf „Jedermann“ nicht zumuten.

2007 wird ihm eine Inszenierung zugemutet, die sich wenig um die Musikalität des Textes kümmert, ihn erst verlangsamt und dann so arg verstümmelt, dass es eine Qual ist. Regisseurin Christiane Pohle hat die zwei Vorspiele mit der beinlosen Guten (Viviane de Muynck) und ihrer Bediensteten Johanna (Nadine Geyersbach) zerdehnt. In diesen Vorspielen monologisiert die Gute, wie gut sie sei, weil sie Boris (Thomas Wodianka) aus dem Asyl aufgenommen und geheiratet habe, wie subversiv die still leidende Johanna, wie verblichen ihr früherer Gatte, der bei dem Unfall ums Leben kam, bei dem die Gute ihre Beine verlor.

Zwei Frauen im falschen Stück

Erst geht es beim Monolog um die Vorbereitung für einen Ball, dann sieht man die Rückkehr vom Ball. Die Gute seziert nun die Ball-Gesellschaft. Zumeist sind die beiden Frauen vorn an der Rampe platziert, die Beinlose in einem Stuhl, Johanna steht mit einem Tablett daneben. Dahinter dreht sich die Bühne (Annette Kurz) ermüdend im Kreis. Wie ein Uhrwerk kreisen auch drei aneinander gebundene Luster. Vorne probiert die Gute manisch Strümpfe, Schuhe aus an ihren Händen. Das ergibt wenig Sinn, weil man ihre Füße sieht. Die Gute wirft mit Gemeinheiten um sich, auf die Johanna kaum reagiert, gelegentlich kurvt sie die Herrschaft über die Bühne, einmal wird diese von ihr sogar leidenschaftlich geküsst, dabei fällt Johanna kurz aus der Rolle der Gedemütigten, die ihre Macht sonst nur in der Verweigerung kleiner Dienste ausübt und in einer zarten Beziehung zu Boris.

Diese Passagen zählen zu den schönen Momenten an diesem Abend, sie steckt ihm heimlich einen Apfel zu, ein Symbol für die Auflehnung. Wenn später Boris und Johanna beisammen sind, will sich die Gute aus ihrem Sitz erheben, scheint auf dem Sprung, doch rasch sinkt sie hin. Die Bernhardschen Wortkaskaden aber mit ihren zwanghaften Wiederholungen und ihrem schrillen Grundton werden von de Muynck so gemütlich vorgetragen, dass die peinigende Wirkung verloren geht. Nur das geschäftige Hin- und Herlaufen Johannas, ein brummendes Hintergrundgeräusch und das mehrfache Abspielen des Wesendonk-Lieds „Im Treibhaus“ lassen den Abgrund ahnen. Die Frauen spielen zwar konsequent und alert, scheinen aber im falschen Stück. So melancholisch sollte man vielleicht bei Tschechow sein, nicht bei einem Bernhard-Stück, in der die Gute ab dem zweiten Vorspiel eine bizarre Krone trägt und die Bedienstete eine erniedrigende Schweinemaske. So leben sie also hin.

Wo bleibt der Stumpfsinn?!

Dann aber, nach der Pause, der Skandal. Der Text wird unerträglich gekürzt, die heimtückischsten Kalauer eingeebnet in einer gefälligen, Tiefsinn vorspiegelnden Interpretation. Wo bleibt der Stumpfsinn, den Bernhard so meisterhaft in der Festszene platziert hat? Wo die Paukenschläge des Boris, der damit auf die Leidensgeschichten der Asylbewohner, die falsche Menschenfreundlichkeit seiner Peinigerin reagiert?

In dieser Aufführung haben alle Beine, und Boris, der spielt die Versehrtheit, indem er sich wild wälzt, das Laken zum Lasso macht, aus dem Bett, vom Sessel fällt, bis er stirbt. Statt Höllenlärm ein mattes „Happy Birthday“ und eine nette Combo (Daniel, Racz, Fehr), statt eines Gelages, bei dem die Gäste auf Befehl der Guten bis zum Erbrechen Lebensmittel fressen, wird mit Kuchenstücken geworfen. Man könnte bei dieser Endzeit-Party ebenso gut Sedative verteilen.

Die Inszenierung bleibt zurückhaltend und gekünstelt erfinderisch bis zum Schluss. Die Party ist aus, Boris ist tot. Bei Bernhard heißt es: „Kaum ist die Gute mit dem toten Boris allein, bricht sie in ein fürchterliches Gelächter aus.“ Und wie setzt das Pohle um? Johanna, sie wirkte eben noch wie eine Sterbehilfe, sagt: „Boris ist tot.“ Dann trägt sie wie zu Beginn ein Tablett, stellt sich neben die Gute. Diese hält sich die Hand vor den Mund. Verlegenheit? Schreck? Jedenfalls schweigt sie jetzt.

PREMIERE, NACH 41 JAHREN.

Zur Uraufführung war Bernhards erstes Stück (1966) eigentlich bei den Festspielen vorgesehen. Aus Gründen der Schicklichkeit wurde es dann doch abgelehnt: Es passe nicht zur Festspielgesellschaft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2007)

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