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Michelangelo Antonioni: Der Chronist des Verschwindens

Mit 'Blow Up' (1966) gelang Antonioni der internationale Durchbruch.
(c) EPA
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Nachruf. Der Italiener galt als einer der bedeutendsten Filmregisseure. Er starb im Alter von 94 Jahren.

Im Lauf eines Tages sind zwei der wichtigsten Filmemacher verschieden. Am Montagmorgen Ingmar Bergman, am Abend starb – wie erst Dienstag bekannt wurde – Michelangelo Antonioni: 94-jährig in seiner Wohnung in Ferrara, neben seiner Frau in einem Sessel sitzend.

Beide waren Schlüsselfiguren des Autorenfilms, ihre unverwechselbaren Inszenierungen bedeutende aktuelle Belege, als Mitte des 20.Jahrhunderts endgültig der Regisseur als wahrer Schöpfer im kollaborativen Schaffensprozess des Kinofilms durchgesetzt wurde. Beide fanden zutiefst persönlichen (und konservativen) Ausdruck für die damals grassierende Sinnkrise der Moderne: Doch wo Bergman den Mensch und sein Gesicht ins Zentrum rückte, verlor der sich bei Antonioni ganz wörtlich im Bild – eine Figur in der Landschaft, ein einsamer und entfremdeter Wanderer durch das urbane Labyrinth wie die desolate Leere der Natur.

Im Gegensatz zu Bergman war Antonioni ein ästhetisch radikaler Erneuerer: Bei der Cannes-Premiere 1960 wird sein Film L'avventura „ausgepfiffen und ausgezeichnet“, berichtet die „Presse“. Die kühle Absage an herkömmliche Handlungsmuster ist kontrovers. Eine Hauptfigur verschwindet, die Suche bleibt nach ihr ist nicht einfach ergebnislos, sie wird zunehmend bedeutungslos, während die verbleibenden Charaktere zwergengleich zwischen imposanten Bauten und natürlichen Monumenten herumstolpern, auf der Suche nach einem Sinn, der sich nicht einstellen will und kann: Alles ist zugleich bedeutungsträchtige Metapher und bedeutungslose Oberfläche. Die mit der Liebe spielen, versprach der deutsche Titel, aber es ist ein Endspiel, aus toten Momenten: Bleibt nur der viel zitierte Ennui von Antonionis melancholischer Spätbourgeoisie.


„Neorealismus, aber ohne Fahrrad“

Die Entstehung seiner Ästhetik hat Antonioni selbst am besten begründet, mit einem guten Witz: Er mache Neorealismus, aber ohne Fahrrad. Keiner seiner italienischen Kollegen entfernte sich klarer vom rührseligen Humanismus Vittorio De Sicas, dessen Klassiker Fahrraddiebe (1948) populärer Inbegriff des neorealistischen Kinos wurde.

Der 1912 in Ferrara geborene Bürgersohn Antonioni begann die Kinolaufbahn nach dem Studium zum Diplomvolkswirt mit dokumentarischen Kurzfilmen in den 1940ern. Deren prononcierter Stilwille kündet bereits vom Wunsch, neorealistische Normen zu überwinden. Chronik einer Liebe heißt 1950 Antonionis erster Langfilm, er ist vielmehr die erste Chronik eines Verschwindens: Ermittlungen zu einem Tod in Mailands Oberschicht – Mord? Unfall? – bringen keine Aufklärung, die unmittelbaren sozialen Anliegen des neoverismo weichen der Untersuchung einer spirituellen Malaise. Krimikonstruktionen mit offenem Ende schätzt Antonioni: Im mit Swinging London-Patina überzogenen Popkultur-Klassiker Blow Up(1966) glaubt ein Fotograf, einen Mord in seinen Bildern zu entdecken – aber Nachforschungen führen in die Unendlichkeit philosophisch-metaphysischer Spekulation.


Identitätsverlust und Zeitlupenexplosion

Vollendeter Ausdruck seiner Themen ist Antonionis Meisterwerk Beruf: Reporter (1975): Jack Nicholson tauscht – und verliert – seine Identität, das Individuum wird in Frage gestellt, ebenso das Wesen der Bilder, ihr prekäres Verhältnis zur Wirklichkeit. Die berühmte siebenminütige Kamerafahrt-Choreografie am Schluss zeigt Antonioni am Zenit als Poeten des Banalen wie Geheimnisvollen und als technischen Virtuosen. Ähnlich gewagt die Verquickung thematischer Konsequenz und formaler Exzellenz in Die rote Wüste 1964, als er Häuser, sogar Wiesen für den gewünschten psychologischen Effekt einfärben ließ, oder die Explosion einer Luxusvilla 1970 in Zabriskie Point: Zur Musik von Pink Floyd regnet es Konsumgüter in Zeitlupe am Ende eines damals ungeliebten US-Gegenkulturfilms, der sich besser hält als mancher Antonioni-Klassiker (etwa der von Zeitgeistchic und existenzieller Symbolik überwältigte Mastroianni-Moreau-Großschauspielparcours La notte, 1960).

Aber alle Antonioni-Arbeiten bis Identifikation einer Frau (1982) haben Qualität. Ein Schlaganfall fesselt ihn 1986 an den Rollstuhl, er kann sich nur mehr mit Gesten verständigen, seine Frau Enrica „übersetzt“ für ihn – das geht nicht spurlos an seinen raren späteren Arbeiten vorüber, darunter noch ein (episodischer) Langfilm Jenseits der Wolken, mit Wim Wenders 1995 inszeniert.

Wie Bergman verschwand Antonioni so aus dem Blickfeld, bevor der Autorenfilm an sich massenmediale Wirksamkeit verlor: Ein Jean-Luc Godard ist heute so marginalisiert wie Antonionis vornehmlich asiatische Erben, Marketingmacht hat am freien Markt die bildungsbürgerliche Bedeutungshoheit abgelöst. Dagegen beschwört der gelähmte Antonioni im Vermächtnis noch einmal Kunstgeschichte und „Magie des Kinos“: Der Kurzfilm Lo sguardo di Michelangelo (2004) zeigt dank (unmerklicher) Digitaltricks Unmögliches: Antonioni betritt am Stock den Petersdom, betrachtet, berührt zärtlich Michelangelos restaurierten Moses – und geht. Antonionis Abgang: wörtlich ein Wunder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.08.2007)