Salzburger Festspiele: Wenn das Leben Revue passiert

Bürgerlicher, mit Bananen gefütterter Lear: Simon Versnel als von Jungen (Bild: Samuel Lefeuvre) verdrängter Alter.
Bürgerlicher, mit Bananen gefütterter Lear: Simon Versnel als von Jungen (Bild: Samuel Lefeuvre) verdrängter Alter.(c) kissBW/Maarten Vanden Abeele
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Der erste Theatererfolg: "Le Salon" beeindruckt beim "Young Directors Project".

Nach einem kapitalen und einem provokanten Fehlstart in den großen Häusern hat das Theater bei den Salzburger Festspielen am Dienstag im Republic seine erste angenehme Überraschung geboten. Auf der Nebenschiene „Young Directors Project“, bei der diesmal vier Inszenierungen um den Montblanc-Award konkurrieren, legte die internationale Brüsseler Truppe „Peeping Tom“ ein ganz und gar überzeugendes Werk vor.

„Le Salon“ heißt das „Familiendrama in Tanz, Wort und Musik“, ein Kammerspiel also, aber in 80 Minuten erschaffen drei Tänzer, eine Sängerin, der mitspielende Theaterleiter und zwei Komparsen eine ganze Welt. Die Künstler aus Argentinien, Holland und Frankreich haben sich in der kreativen Brüsseler Szene auch schon an den renommierten Gruppen „Les Ballets C. de la B.“ und der „Needcompany“ beteiligt. Sie beherrschen den neuen „flämischen“ Tanz.

Melancholie des Alters

Der Salon ist ein abgewohnter Raum (Bühnenkonzept und Ausstattung: Pol Heyvaert); vor einem schweren Holzbett, in das eine Person versunken ist (nur der Kopf schaut aus diesem gefräßigen Ungeheuer heraus), stapeln sich alte Bücher, an der Rampe wird von der Decke tropfendes Wasser notdürftig mit Tüchern aufgefangen, in zerschlissenen Fauteuils sitzen zwei alte Leute in Alltagskleidern, in der Tür ganz hinten küssen sich zwei junge. Ein Klavier, ein Sofa, ein Spiegel, Bilder, Plastikspielzeug. Lasten aus der Vergangenheit, Zeichen des Verfalls. Später wird die junge Frau das schwarz gerahmte Bild eines Kindes aufhängen und darunter einen Blumenstrauß stellen. Eine Tragödie also. Erst aber gibt es die Melancholie des Alters zu spüren, ehe die Gleichzeitigkeit um sich greift. Die alte Frau zieht bald schon aus, sie entschwindet noch im Anfang, ab ins Altersheim vielleicht. Der alte Mann (Simon Versnel) verfällt nun zusehends in Hilflosigkeit, ein bürgerlicher Lear. Er wird von einem Pfleger misshandelt, wenn er einfache Fragen nicht beantworten kann; zugleich wird er mit einer Banane gefüttert.

So schaut es aus, das Ausgeliefertsein. Schubert wird gesungen und „Tea for Two“, von der Mezzosopranistin Eurudike de Beul, zum Weinen schön, später singt sie noch ein Glanzstück aus Pink Floyds „Dark Side of the Moon“, schließlich nimmt sie voller Aggression das Klavier auseinander.

Es wird disharmonisch. Längst haben die Jungen begonnen, die Alten zu verdrängen. Einer der Jungen taucht aus dem unheimlichen Bett nach kurzem Kampf unter dem Laken auf (Samuel Lefeuvre). Er zeigt waghalsigen Breakdance, kreiselt über die Bühne, schlägt immer wieder hart auf. Die neue Familie zieht ein (Gabriela Carrizo, Franck Chartier). Sie vollführen akrobatische Tänze, küssen sich wild und nicht lösen könnend in irren Drehungen, auch ein kleines Kind wird in den Wirbel eingebunden. Ein Versuch der Erinnerung?

Jedenfalls schlägt Leidenschaft bei der Frau bald in Trauer um, sie verfällt in Ohnmacht. Die Darbietung der jungen Männer wird unglaublich virtuos, unter Einsatz aller Kräfte, der eine springt auf den anderen wie auf ein Surfbrett, eine Zumutung der Gewalt, und trotzdem hat es Harmonie. „He doesn't work anymore“, heißt es, nachdem sich vier auf die Leidensfigur gestellt haben. Ein Totentanz? „I'm ready, I can go now“, sagt der Alte mittendrin, „I wanna go home.“ Er will die Habseligkeiten der Entschwundenen versetzen, Schmuck und Kleidung, um kleinste Beträge, ohne Erfolg. Er kann sein Wasser nicht halten, wehrt sich dagegen, eine Windel verpasst zu bekommen. Dazwischen immer wieder wilde Tanzeinlagen und schöner Gesang und beiläufige Gesten, die oft anrühren.

Dann wird eingepackt, die Sängerin schmeißt das Spielzeug in eine Schachtel, es wird zerstört, der ganze Kram, die alten Bücher, die Sessel werden auf die junge Mutter geworfen, sie verliert ihr Haar wie in größter Trauer. Der alte Mann will sterben, der junge gleitet auf nasser Bahn wie ein Schwimmer durch den Raum. Dann ist es aus. Achtlos wird das Bild des toten Kindes auf den Müll geworfen, entsorgt. Leere, Dunkelheit. Beiläufig scheinen diese Szenen gebracht zu werden, und doch fügen sie sich zu einem sanften, großen Rückblick. Ein ganzes Leben hat man in diesem alten Salon erfahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2007)

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