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Die Mär vom Heil durch die Pädagogik

Nichts ist verdächtiger als das Plausible.

Wir versuchen heute, Kinder des 21. Jahrhunderts von Lehrern mit einem Ausbildungsstand des 20. Jahrhunderts in einem Schulsystem zu unterrichten, das im 19. Jahrhundert konzipiert wurde.“ Andreas Schleicher, deutscher Pisa-Betreuer, klagt über die Ausbildung künftiger Lehrkräfte und hat zugleich das Zaubermittel parat: In Pisa-bewährten („Finnland!!!“, der Ruf mit dem ewigem Echo) Bildungssystemen hätten pädagogische Elemente oft einen deutlich höheren Stellenwert als in Deutschland: „Vor allem stehen sie am Anfang der Lehrerausbildung, statt auf eine Fachausbildung oben drauf gesetzt zu werden.“ Auf Österreich übertragen bedeutet Schleichers Befund: Die pädagogischen Hochschulen übernehmen die Verantwortung der Lehrkräfteausbildung: alles werde gut. Das bisherige Fachstudium an Universitäten klassischen Stils sei überholt, denn es führe, so Schleicher, zum Frontalunterricht, „bei dem Schüler im Gleichschritt vorgefertigtes Wissen lernen“. Die Konsequenz aus dieser Einsicht: Das Fachstudium ist zu verkürzen, von den Universitäten auszulagern, als Appendix zu bewerten.

Nichts davon stimmt.

Erstens: So schlecht war das Schulsystem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – aus der Perspektive dieser Zeit betrachtet – keineswegs. Jedenfalls hatte es eine Fülle von künftigen Nobelpreislaureaten, die damals auf dem europäischen Kontinent zur Schule gingen, hervorgebracht. Das ist nur ein beiläufiges Indiz, aber es belegt, dass verächtliches Schimpfen auf die Schulbildung unserer Groß- und Urgroßeltern von Kurzsichtigkeit zeugt.

Zweitens: Die Vorstellung, künftige Lehrkräfte geraten von 6 bis 66 in ununterbrochene pädagogische Knechtschaft – zuerst an der Schulbank, dann im Studium, schließlich am Katheder – ist horrend: Niemals wären diese beklagenswerten Wesen vom Zugriff des erhobenen Zeigefingers erlöst, der den von seinem Wahn erfüllten Pädagogiker auszeichnet, nie erführen sie, was die Freiheit eines Studiums bedeutet. Deshalb ist gerade umgekehrt zu fordern: Mehrere Jahre soll die Studentin, der Student des Lehramts nach der Matura vom pädagogischen Gängelband verschont und mit dem Ernst wissenschaftlichen Denkens konfrontiert werden. Der Schuldienst kommt früh genug.

Drittens: Im Idealfall hat die Studentin, der Student während des Fachstudiums wenigstens eine prägende Persönlichkeit unter den akademischen Lehrern schätzen gelernt. Sie und das von ihr vermittelte Weltbild des wissenschaftlichen Fachs bilden die Kraftquelle für die künftige Tätigkeit im Unterricht. Dass man mit Ideen und Methoden der Pädagogik lernen kann, diese Kraft möglichst effizient und kindergerecht zu leiten, sei unbestritten. Aber der Einsatz von pädagogischen Elementen bei der Lehrerausbildung ist erst dann berechtigt, wenn die Überzeugung für und das Wissen um das Fach gegeben sind.

Eine Utopie. Denn der Trend weist in die düstere Gegenrichtung. Mit dem steten Pochen auf Pisa wittern Pädagogiker im Stile Schleichers ihre Chance: „Vergesst tiefes Nachdenken! Lernt Rezepte, Kindern das Ankreuzen bei Pisa beizubringen! Glaubt dem Wortgeklingel: praxisnah, lustbetont, spielerisch, ...!“ Der Sieg einer solchen Pädagogik bedeutet die Niederlage der Aufklärung.

Rudolf Taschner ist Mathematiker und Betreiber des math.space im Wiener Museumsquartier.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2007)