Da tobt die kosmische Schlacht zwischen dunklen Titanen, und wir spielen gar nicht mit?!?
Wer dieser Tage, nur z.B., im Amalien-, Kongress- oder Arbeiterstrandbad liegt, hoffentlich im Schatten, eingehüllt in Geräusche von Wasser und spielenden Kindern, träumt vielleicht von fernen Sternen, gibt ihnen wolkige Namen („Cirrus Minor“ o.Ä.) und grübelt: Ob unter deren Licht auch Wesen baden, gar von unserer Sonne träumen, sich fragen, ob denn auch hier...
In diesem Sinn war die Schlagzeile einer hiesigen Zeitschrift aktuell: „Sind wir allein im Universum?“, lautete sie, und das ist ein schönes Beispiel für eine Frage, auf die ein Interviewer eine schmeichelhafte Antwort gewärtigen kann: „Gute Frage.“
Keine Wahrscheinlichkeitsabschätzungen in Monaten ohne „R“! Nur ein kleiner Einwurf: Ohne Menschen, nur mit Vertretern der anderen Arten, die auf der Erde mit uns koexistieren, würde ich mich auch ziemlich allein fühlen; eine Grille z.B. wirkt auf mich gespenstisch roboterhaft (und macht Geräusche wie ein orientierungsloser Laptop-Musiker); Hunde sind mir in ihrer peinlichen Unterwürfigkeit genauso unheimlich wie dann, wenn sie sich stark fühlen, von ihrer Analfixiertheit ganz zu schweigen; auch mit Schafen, Schaben oder Löwen möchte ich die Liegewiese nicht teilen. Und keines, kein einziges all dieser kreuchenden und fleuchenden, schwebenden und klebenden Tiere hat je darüber gegrübelt, grübeln können, ob es „allein im Universum“ ist!
Will sagen: Selbst wenn alle Voraussetzungen zur Entstehung von Leben stimmen – Stern richtig in der Galaxie positioniert und richtig groß, Ex-Supernova in der Nähe (Versorgung mit schweren Elementen!), Planet nicht zu nahe an seinem Stern und nicht zu weit weg, ein guter Mond usw. usf. –, mir scheint die Wahrscheinlichkeit, dass eine andere Evolution intelligente Wesen unseres Schlages hervorgebracht hat, verzweifelt gering.
Aber wozu dann diese Trilliarden Sterne, wozu dieses riesige All? „Auf jeden Fall sind seit Beginn aller Zeiten mehr Menschen gestorben, als der Urknall Jahre her ist“, hielt Diedrich Diederichsen in seinem Buch „Herr Dietrichsen“ fest: „Und jedes dieser Leben war mehr wert, war mehr Kosmos, mehr Chemie, mehr schwarzes Loch, mehr Antimaterie und Supernova als das ganze entvölkerte Weltall.“
Ja, so dachten die alten Pop-Intellektuellen, als sie noch jung und altklug waren. Unsereins wagt es nicht, das Lied von der Krone der Schöpfung so laut zu singen. Freut sich lieber kleinlaut an den großen Erzählungen der Physik: „In der Geschichte des Universums sehen wir die Schlacht zwischen zwei dunklen Titanen“, sagt Kosmologe Michael Turner(Nature, 448, S.241): „Zehn Milliarden Jahre lang regierte die Dunkle Materie und formte alle Struktur im Universum, dann, zirka vor fünf Milliarden Jahren, übernahm die Dunkle Energie die Herrschaft, beendete die Strukturbildung und ließ das Universum sich beschleunigt ausdehnen.“
Zwei himmlische Mächte im Duell – und der Stoff, aus dem wir sind, die ganz normale, lichte Materie, spielt nur eine passive Rolle im Kosmostheater... Aber wer kann den Erfolg und Ausgang voraussehen? Was für ein unbehagliches Weltbild.
Das letzte Wort dieser Betrachtungen eines Badegastes gehört der sechsjährigen Eva: „Universum? Ich hab' immer geglaubt, das ist ein anderes Wort für Aquarium.“
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2007)