Der spanische Autor Jorge Semprún über Träume, Buchenwald und deutsche Kindermädchen.
Ich träume nicht mehr“, antwortet Jorge Semprún auf die Frage, wie er zu den starken Bildern komme, die seine Romane prägen, welche Szenen denn immer in seinem Kopf bleiben, dort eingebrannt sind. „Natürlich träume ich, aber ich erinnere mich dann nicht mehr daran“, präzisiert der spanische Autor, dessen Familie in seiner Jugend vor dem Franco-Regime fliehen musste, der in Paris nach dem Einmarsch der Nazis zur Résistance ging, das Konzentrationslager Buchenwald überlebte, als kommunistischer Führer gegen den Faschismus in seiner Heimat kämpfte, von der KP ausgeschlossen wurde und schließlich 1988–91 im demokratischen Spanien Kulturminister bei Premier Felipe Gonzáles war.
Weltberühmt ist Semprún jedoch durch seine Romane, die das Lagerleben in Buchenwald dokumentieren. „Es kann schon sein, dass ich in der Früh aufwache und mir sage, diesen Traum musst du dir aufschreiben, der war wichtig, der war interessant, und dann vergesse ich“, lacht Semprún, „ich habe einen Mechanismus der Selbstverteidigung entwickelt. Jahrzehntelang habe ich mich in meinen Träumen an Buchenwald erinnert, nicht nur in Bildern, sondern ich träumte auch Geräusche, Sätze. Im KZ hieß es bei Fliegeralarm ,Krematorium ausmachen!‘ Ich hatte immer diesen Traum: ,Krematorium ausmachen!' Heute aber muss ich meine Bücher lesen, um mich daran zu erinnern. Ich habe, wie Sigmund Freud sagt, eine Verdrängung.“
Deutsch war „fürs Überleben wichtig“
Erinnert sich Semprún an seine Kindheit, an die deutschen Kindermädchen etwa, die ihm diese Sprache beigebracht haben? War er ihnen gar als Mutterfiguren zugeneigt? „Mein Vater war es, mütterliche Gefühle waren da nicht im Spiel. Die letzte Gouvernante ist meine Stiefmutter geworden. In Spanien war es damals im Bürgertum Mode, Erzieherinnen aus Deutschland zu haben. Mein Vater wollte, dass wir sieben Kinder Deutsch lernen. Französisch (Semprún schrieb darin viele seiner Bücher, Anm.) habe ich erst viel später gelernt. Deutsch zu sprechen war in Buchenwald fürs Überleben wichtig. Einmal habe ich einem SS-Offizier, der sich über mein Deutsch wunderte, gesagt, wir hätten ein deutsches Fräulein als Erzieherin gehabt. Er wunderte sich: ,Sie kommen aus einer guten Familie, was machen Sie hier bei diesen Schuften?‘“
Semprún las schon als junger Mann deutsche Philosophie. Warum bewunderte er Hegel und nicht Heidegger, der doch damals in Paris viel schicker war und Sartre stark beeinflusst hat? „Ich kam zu Hegel, weil ich zuerst Marx gelesen habe. Heidegger war leider modern. In Frankreich gibt es noch immer eine Schule, die ihn verteidigt. Sartre hat Heidegger nicht gut gelesen. Er hat in ,Das Sein und das Nichts‘ ganz lange Zitate, die einfach falsch sind, die so nie gesagt wurden. Ich war Husserl viel stärker zugetan. Wenn ich noch Zeit habe, möchte ich einen Essay über zwei Arbeiten schreiben, die Husserl und Heidegger 1934 zum selben Thema verfasst haben, zur Aufgabe der Philosophie. Sie sind gründlich verschieden.“
Wie steht Semprún zu den Irrtümern der Linken? „Ich glaubte in meiner Jugend wirklich, was Marx in der ersten Feuerbach-These sagte: Man muss die Welt verändern, nicht interpretieren. Heute bin ich überzeugt, dass das falsch ist. Der Leninismus ist bei mir dazugekommen, weil ich Lukacs gelesen habe, dessen ,Geschichte und Klassenbewusstsein‘ habe ich als Philosoph in Paris studiert, das Werk habe ich in der Bibliothek von befreundeten österreichischen Juden gefunden. Aber der Leninismus war für mich nicht wirklich philosophisch, sondern nur politisch, er war Praxis. Nach dem 20.Parteitag der KPdSU wusste man, dass man nicht mehr Parteikommunist sein konnte, in Spanien war das etwas anders.“
KP-Mitgliedschaft als „Kampfmittel“
Da ging es gegen den Diktator Franco, der bis 1975 herrschte. „Wäre ich Franzose oder Italiener gewesen, hätte ich schon 1956 die Kritik am Kommunismus finalisiert. Gegen Franco hingegen war die KP-Mitgliedschaft ein legales Mittel des Kampfes, sie war wichtig und nützlich. Das hat meine Entscheidung zur Abkehr jahrelang verzögert.“
Franco sieht er differenziert im Vergleich mit Hitler oder Stalin: „Es war eine national-katholische Militärdiktatur, kein Totalitarismus wie in Deutschland oder der Sowjetunion.“ In seinem späten Roman „Zwanzig Jahre und ein Tag“ (2003) thematisiert Semprún den Bürgerkrieg, es gibt darin trotz der Traumata auch sehr versöhnlich wirkende Passagen. „1934 war in Spanien so wie in Österreich ein sehr blutiges Jahr. Unser Vater erzählte uns damals von den Kämpfen in Wien, er hatte mit einigen anderen links-katholischen Schriftstellern gegen die Repression in Österreich geschrieben. Doch der spanische Bürgerkrieg war noch viel schlimmer. Der Riss ging durch alle Familien. Mein Vater war der einzige Linke in einer großbürgerlichen, katholischen Familie – seine Brüder waren auf Francos Seite. Er ist im Ausland gestorben, als Franco noch lebte.“
Wie sieht Semprún die derzeitige Aufarbeitung der NS-Geschichte anhand der Flakhelfergeneration, der Autoren wie Günter Grass und Martin Walser angehören? „Für mich gibt es wirklich kein Problem damit, dass Grass als Sechzehnjähriger in der Wehrmacht oder gar SS war. Problematisch finde ich es, dass er uns so lange vorgeschrieben hat, was man machen musste, um links zu sein. Er war immer der Schulmeister, das ist für mich unangenehm.“
Welche Bilanz zieht Semprún aus dem 20.Jahrhundert? „Es ist nicht nur das Jahrhundert der Lager, sondern auch jenes, in dem die Kolonien befreit wurden, sich die Frauen emanzipierten. Ich bin nicht so pessimistisch. Europa ist unsere einzige Chance. Das hat schon Husserl 1935 in einem Essay gegen die Barbarei geschrieben.“
STAATSPREIS FÜR SEMPRÚN
Den österreichischen Staatspreis für Literaturerhielt der 83-Jährige am Sonntag in Salzburg. Bekannte Bücher: „Die große Reise“(1964, über seine Zeit in Buchenwald), „Der zweite Tod des Ramon Mercader“ (1974), „Schreiben oder Leben“ (1995), „Der Tote mit meinem Namen“ (2002).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2007)