Mehr Milch für Chinesen – aber vertragen sie das?

Der Konsum von Milchprodukten steigt in China rasant – und wird von der Regierung gefördert. Gegen den Boom spricht die Physiologie: Viele Chinesen können Milchzucker nicht verdauen.

PEKING/WIEN. „Ich habe einen Traum – den Traum, jeden Chinesen, besonders unsere Kinder, mit einem halben Liter am Tag zu versorgen.“ Mit dieser griffigen Sentenz fütterte der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao eine Kampagne seiner Regierung: Die Chinesen sollen mehr Milch trinken. „Plus ein Glas Milch zur Stärkung unseres Volkes“, propagierte der chinesische Konsumentenverband schon 1999.

Heute bekommen Schüler in vielen Schulen gratis Milch; Werbeschilder rufen „Milch ist gut für euch!“; und in den Supermärkten, vor allem in den wohlhabenden Regionen nahe der Pazifikküste, wird die gesamte Palette an Milchprodukten angeboten. Laut der Vereinigung der chinesischen Molkereien ist der Konsum pro Kopf von 2000 bis 2006 um 76 Prozent gestiegen: auf 25,6 Kilo pro Jahr.

Das ist allerdings nur zirka ein Viertel des Verbrauchs in europäischen Ländern. Und die Steigerung – gefördert auch von internationalen Konzernen von Nestlé bis Danone – bringt nicht nur die von der Reklame versprochenen Folgen wie schöne Haut und gesunde Zähne. Sondern auch Übelkeit, Blähungen und Durchfall.

„Meinem Mann wird schlecht, wenn er nur Kuh riecht“, erzählte etwa eine Textilarbeiterin der Nachrichtenagentur DPA. Das kann Mediziner nicht wundern. Denn es ist kein rein kulturelles Artefakt, dass es weltweit in Chinarestaurants keine Milchspeisen, auch keinen Käse gibt: Laut Genetikern vertragen 93 Prozent der – erwachsenen – Einwohner Chinas aus genetischen Gründen keinen Milchzucker (Laktose). Sie können ihn nämlich nicht verdauen, weil sie das dafür zuständige Enzym, die Laktase, nicht produzieren. So wird die Laktose nicht in Galaktose und Glukose (Traubenzucker) gespalten, sondern kommt in den Dickdarm, wo sie von Bakterien vergoren wird, was zu Blähungen und Durchfall führt.

Laktose-Intoleranz nennen das die Mediziner, doch es ist eigentlich der ursprüngliche Zustand der Menschen. Denn bis vor ca. 8000 Jahren trank kein erwachsener Mensch je Milch. Erst nach Einführung der Rinderzucht setzten sich allmählich – vielleicht gefördert durch verseuchtes Wasser, das nur Milchtrinker überleben ließ – Mutationen durch, die bewirken, dass das Laktase-Gen nicht nach dem Säuglingsalter ausgeschaltet wird. Allerdings nur in den Regionen, wo Rinderzucht betrieben wurde, also in Vorderasien (von wo aus die viehzüchtenden Bauern nach Europa wanderten), aber auch in Kenia und im Sudan. Am größten ist der Anteil der Menschen, die Milch vertragen, in Skandinavien (bis zu 98 Prozent). In Österreich leiden ca. zehn Prozent an Laktose-Intoleranz.

Nach China kamen die ersten Milchkühe mit christlichen Missionaren in der Mitte des 19.Jahrhunderts: Kein Wunder, dass die ursprüngliche Laktose-Intoleranz noch weit verbreitet ist. Sie dürfte den Bemühungen zur Verbreitung von Milch natürliche Grenzen setzen. Ein Glas Milch pro Tag ist auch für Menschen mit nicht aktivem Laktase-Gen meist kein Problem. Wenn aber Ekelgefühl mit der Laktose-Unverträglichkeit einhergeht, haben wohl auch griffigste Werbeslogans und gesundheitspolitische Parolen wenig Chance.

Hartkäse ist verträglicher

Milchpulver, das derzeit massiv nach China eingeführt wird, enthält noch die volle Dosis Laktose. Bei Käse allerdings senkt die Reifung den Gehalt an Milchzucker: Er wird von Bakterien in Milchsäure verwandelt. So enthalten die meisten Hartkäse kaum mehr Laktose. Parmesan und Geheimratskäse sollten (fast) alle Chinesen ohne Bauchweh genießen können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2007)

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