Auch in Salzburg ist es wieder nichts geworden mit einem anständigen Theaterskandal.
Seit über einer Woche treibe ich mich in Salzburg herum, zwischen Domplatz und Café Bazar, sogar bis hinaus auf die Perner-Insel fahre ich, ertrage geduldig das Atlantiktief und muss feststellen, dass es wieder nichts wird mit einem anständigen Theaterskandal. Bei Molière, diesem Monster aus Paris, das von Luk Perceval auf reine Triebe reduziert wird, hoffe ich noch.
Eine liberale Kulturgröße verlässt weit vor der ersten Pause die Halle. War ihr das qualvolle Masturbieren des Thomas Thieme zu viel geworden? „Mir war so schlecht vom vielen Schneefall, das Schaukeln des Bühnenbodens machte mich schwindlig“, heißt es entschuldigend. Großer Applaus dann am Schluss, doch einige Gehilfen hatten Erbarmen mit dem Regisseur; sie klatschten und buhten zugleich. Denn ohne kräftiges Missfallen hieße es sogleich: durchgefallen.
Das Publikum aber wird immer anspruchsvoller mit seiner Kritik. „Ein Fest für Boris“ mit ein bisschen Lesbenliebe aufgeladen? Kindernachmittag. Die freizügige Verherrlichung der Homosexualität bei „Come un cane senza padrone“? Na ja, Niveau hatte er schon, der Bubenfreund Pier Paolo Pasolini. Ein bisschen sexbesessen scheint Salzburg neuerdings aber schon. Sogar der Teufel im „Jedermann“, eigentlich ein ernster Herr mit Magenbeschwerden, ist diesmal ein arger Grapscher, ein Kinderverzahrer gar – und erhält den größten Applaus.
Ich flüchte also in Nostalgie. Früher war alles viel leichter hier. Wo sind die Zeiten, da ein einziges Notlicht, besser gesagt, die Forderung eines Nicht-Notlichtes bei Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ einen Volksaufstand auslösen konnte? Das war 1972. Wo sind die schönen Tage von Salzburg, da man noch darum prozessierte, dass eine „Fledermaus“ nicht keine „Fledermaus“ sein durfte? Weg sind diese Zeiten, so vollkommen wie die Fotos von Karajan in den Auslagen der Fleischhauereien.
Weil ich ein im Grunde nostalgischer Mensch bin und heute meinen freien Tag habe, werde ich mich nun also zurückziehen und in die wilde Vergangenheit reisen. Ich werde mir die wunderschönen DVD-Filme ansehen, welche die Festspiele nun auch im Bereich Schauspiel feilbieten. Von Gottfried Kraus seit 16 Jahren herausgegeben, sind von diesen Festspieldokumenten bereits 260 verfügbar – von 1935 bis 2006.
Wenn also die Großtante schwärmt, wie possierlich das junge Talent Claus Peymann 1972 Bruno Ganz und Ulrich Wildgruber in Szene setzte, wie göttlich die Christiane Hörbiger im „Jedermann“ 1970 als Buhlschaft war mit ihrem strengen Mieder – prüfen Sie es nach. Und erst der „Talisman“ von 1976! Helmut Lohner als Titus Feuerfuchs, Otto Schenk in der Dreifachrolle als Otto Schenk, Plutzerkern und Regisseur. Das wäre heute ein Skandal; die spielen Nestroy tatsächlich, wie er im Buche steht. Mit Originalkostümen, völlig verwienert und skandalös gekonnt.
norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2007)