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Zwischen Audimax und Ulrichsberg

Die „Kameradschaft 68“ steht hoch im Kurs. Gut so: Eine rote Nostalgie ist allemal besser als eine braune.

Wenn nächstes Jahr die „Kameradschaft 68“ ihre Veteranentreffen aus Anlass des 40-jährigen Revolutionsjubiläums abhalten wird, wird hierzulande ein Festredner häufig gebucht werden: Erwin Buchinger. Der Sozialminister ist für die linken Kameraden, was Jörg Haider bis zum Abtauchen in der Wörthersee-Society für die rechten war. Buchinger im Audimax vor den 68er-Weißt-du-noch-Genosse-Träumern ist das dramaturgische Pendant zu Haider auf dem Ulrichsberg vor den braun gewandeten Es-war-nicht-alles-schlecht-Verwirrten.

Menschen, die mit den Zumutungen der Freiheit nicht zurechtkommen, begeben sich eben gern in den bergenden Schoß der Nation oder der Klasse und ihrer massenwirksamen Personifizierungen.

Bei allen Parallelen liegt der gravierende Unterschied zwischen den beiden Nostalgikervereinen auf der Hand: Die „Kameradschaft 68“ hat sich in unseren Breiten außer der degoutanten Sympathie mit sowjetischen oder chinesischen Mörderbanden und deutschen Terroristen nicht wirklich etwas zu Schulden kommen lassen, und Ignoranz ist gottlob nicht strafbar. Die Ulrichsberg-Nostalgiker hingegen schwelgen in Erinnerungen, die von den singulären Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von ihrer Generation in unserem Land begangen wurden, nicht zu trennen sind.

Seien wir also froh, dass heute die roten Nostalgiker gesellschaftlich viel höher im Kurs stehen als die braunen.


Gelassenheit gegenüber der neuen Links-Nostalgie ist angebracht, weil es sich um eine Placebo-Ideologie handelt. Ganz gleich, ob sie sich wie Erwin Buchinger im Schoße ihrer Mutterparteien aufhalten oder sich wie Oskar Lafontaine in abgespalteten Parteien profilieren: Die linken Flügelmänner der europäischen Sozialdemokratie denken nicht daran, die ideologischen Versatzstücke, mit denen sie hantieren, in die politische Realität umzusetzen. Die lateinamerikanischen Beispiele zeigen zu deutlich, dass die konsequente politische Realisierung linker Rhetorik ohne den Angriff auf die grundlegenden bürgerlichen Freiheiten nicht auskommt.

Nein, wir Europäer müssen uns vor den neuen Linken nicht fürchten. Sowohl Buchingers täglich umfassender werdendes Totalversorgungsversprechen gegenüber den angeblich oder tatsächlich von den Segnungen einer guten Wirtschaftsentwicklung ausgeschlossenen Österreichern als auch Lafontaines Plädoyer für eine grundlegende Revision der politischen Ökonomie in Deutschland sind im Wesentlichen Entertainment-Phänomene.

Der Unterschied besteht lediglich darin, dass Lafontaine ein Egomane ist, der die Rendite aus seinem Unterhaltungsgeschäft für sich allein einstreifen möchte, während Buchingers Mischung aus basischristlichem Gefühl und altlinkem Denken ihn zum sozialdemokratischen Teamspieler macht. (Dass er Alfred Gusenbauer mittelfristig dennoch gefährlich werden kann, ist eine andere Geschichte. Sie hat mehr mit der hedonistischen Präferenz des Kanzlers zu tun als mit der machiavellistischen Ambition des Sozialministers.)


Die österreichische Variante des linken Polit-Entertainments ist natürlich auch von der großkoalitionären Regierungskonstellation entscheidend geprägt. SPÖ und ÖVP agieren nach dem strategischen Kalkül, dass sie FPÖ, BZÖ und Grünen dann am wenigsten Terrain überlassen, wenn sie nach dem Motto „Des bissl Opposition, des ma brauchn, mach ma uns auch noch selber“ agieren. Das hat schon während der Koalitionsverhandlungen prächtig funktioniert, nach deren Ende sich die SPÖ rühmen konnte, der neoliberalen Politik der Schwarzen die „Giftzähne“ gezogen haben, während die ÖVP vermeldete, den zu befürchtenden Rückfall des Landes in den Steinzeitsozialismus weitgehend verhindert zu haben.

Die ÖVP versuchte zwischendurch gegenzusteuern, zum Beispiel mit einem Bildungsmodell, das stärker auf Leistung und Differenzierung setzt. Dass sich die ÖVP zwischendurch auch selbst von links attackiert (zum Beispiel in Pensionsfragen), muss man wohl auf die Unerfahrenheit einiger ihrer Vertreter im Unterhaltungsgeschäft zurückführen.

Man kann davon ausgehen, dass dieses Modell bis zum nächsten Wahlkampf ganz gut funktionieren wird. Woran die Parteistrategen möglichst bald zu arbeiten beginnen sollten, ist die Erfindung von Antworten auf die Frage, wer dieses Land eigentlich in der abgelaufenen Legislaturperiode regiert hat.

Die linke Nostalgie Seiten 1 bis 4


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2007)