Psychoanalyse: Jetzt auch eine Akademie für Freud

(c) APA / Siegfied Freud Museum Wien
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Zwei psychoanalytische Verbände haben sich geeinigt. Bleiben zwei Gegner: Freud-Universität und -Museum. Versuch einer Analyse.

Die Geschichte der Psychoanalyse ist auch eine Geschichte der Spaltungen, der „Abfallbewegungen“, wie Sigmund Freud es nannte. Umso erstaunlicher ist es, dass in Wien zwei psychoanalytische Berufsverbände, die einander jahrelang feindlich gesinnt waren, demnächst gemeinsam unter einem Dach eine „Akademie“ betreiben: Die 1908 gegründete Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) und der 1947 gegründete Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse ziehen im Herbst in ein Haus am Salzgries 16.

Den Arbeitskreis leitet derzeit August Ruhs, ein Anhänger des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan, er gilt seit jeher als liberaler als die WPV. Dass die beiden Vereine einander nun finden, hat seine Wurzeln freilich u.a. in einer vorhergegangenen Abspaltung: Alfred Pritz gründete 2005 die – u.a. wegen der ausgesprochen kurzen Zeiten, in denen man dort einen akademischen Titel erlangen konnte, umstrittene – Sigmund-Freud-Privatuniversität und wurde aus dem Arbeitskreis ausgeschlossen.

Nachdem das Psychotherapiegesetz 1990 die Psychoanalyse Freudscher Tradition in eine Reihe mit diversen, teils esoterischen Heilmethoden gestellt hat, wollen die Analytiker sich nur zu gern von der breiten Psychopalette abgrenzen und irgendwie „adeln“: Das Wort „Universität“ hat Pritz besetzt, das Wort „Akademie“ ist frei verfügbar.

Warum nicht in der Berggasse?

In der Berggasse 19, wo Freud bis 1938 wohnte und ordinierte, betreibt heute die Sigmund-Freud-Privatstiftung das Freud-Museum. Ihrer Vorsitzenden, Inge Scholz-Strasser, werfen WPV und Arbeitskreis gern vor, die Psychoanalyse zu wenig „wissenschaftlich“ zu sehen; Scholz-Strasser wird sich weiter damit rechtfertigen, dass sie ein Museum für die Öffentlichkeit und keine Arena für Orthodoxiediskurse leitet.

Ein – im Falter gewagter – Vergleich der „Akademie“-Gründung 2007 mit der vom NS-Terror erzwungenen Emigration Freuds 1938 scheint allerdings unpassend. „Ein Großteil der Wiener Psychoanalytiker fürchtet nun, dass sie ein zweites Mal ihre Heimat verlieren“, heißt es da: „Sie flüchten diesmal nicht ins Ausland, sondern in ein Gründerzeithaus...“ Tatsächlich wurde eine Zeitlang erwogen, die Akademie in der Berggasse19 unterzubringen. Weder die WPV noch der Arbeitskreis war je dort ansässig, aber die legendäre Adresse würde wohl bei der Profilierung helfen. Dass die Ansiedlung an Ausbaukosten gescheitert ist, könnte freilich einen Vorteil bringen: Streitigkeiten der Berufsverbände miteinander und mit der Privatuni werden nicht im Museum ausgetragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2007)

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