Salzburger Festspiele. Pasolini-Hommage, ironiefrei: "Come un cane senza padrone".
Wie einen Nachlass hat der italienische Dichter und Regisseur Pier Paolo Pasolini, der 1975 am Strand bei Ostia bestialisch ermordet wurde seinen postum veröffentlichten Roman „Petrolio“ konzipiert. Dieses Konvolut verschiedenartiger Dokumente ist zugleich ein Zeugnis der Selbstinszenierung eines außergewöhnlichen Lebens. Pasolini war eine Leitfigur im Widerstand gegen den „Konsumismus“ und einer der ersten, der offen seine Homosexualität lebte. Kurz vor seinem Tod schrieb er in der Einleitung zu den „Freibeuterschriften“, einer Sammlung kurzer Essays: „Die Rekonstruktion dieses Buches ist dem Leser anvertraut. Er muss die Fragmente eines verstreuten und unvollständigen Werkes zusammensetzen.“
Auf eine solche archäologische Suche hat sich die italienische Theatertruppe „Motus“ aus Rimini gemacht. Im Rahmen des „Young Directors Project“ der Salzburger Festspiele wurde von ihr im Republic eine Schlüsselszene aus „Petrolio“ aufgeführt: Die homosexuelle Initiation eines 40-jährigen Bürgers, der sich mit einem jungen Mann aus dem Volke einlässt und im Subtext massiv Gesellschaftskritik übt.
Ganz direkt, doch in poetisch überhöhter Sprache wird dieses Zusammentreffen auf einer Wiese in einem anonymen Vorort besungen. Zugleich aber wirkt der Schluss am Strand wie ein Nachruf auf den Dichter. „Come un cane senza padrone“, wie ein Hund ohne Herr, heißt das Drama. Für die 50-minütige szenische Lesung – mehr ist diese Inszenierung von Enrico Casagrande und Daniela Nicol nicht – wurde einiger Aufwand getrieben. Auf einer riesigen zentralen Leinwand wird andauernd eine dunkle Fahrt durch Vororte projiziert, von Donner und Blitz und Geräuschen der Nacht begleitet. Das hat eine hypnotische Wirkung (Kamera und Schnitt: Simona Diacci, Enrico Casagrande). Wie für ein Triptychon ist die Szene rechts von einer kleineren Videowand flankiert, die verwahrloste kleine Buben bei strahlendem Wetter zeigt, links von einer, die grobkörnig die Pasolini ähnelnde Hauptfigur Carlo und ihren Liebhaber Carmelo zeigt, in der Wohnung und auf freiem Feld.
Die beiden Figuren sind aber auch im Raum präsent. Dany Greggio als Großbürger Carlo entsteigt einem Alfa 2000 GT mit der ebenmäßigen Nummer K69996, Franck Provvedi kommt die Treppen herab aus der Masse der Zuschauer. Sie setzten sich an ein Pult mit Telefon, Mikrofonen und Lampen und haben dann nicht viel zu sagen, sondern telefonieren bei der Verabredung, stöhnen bei der Liebesszene, machen schmatzende Geräusche, indem sie sich Finger in den Mund stecken. Sie bleiben ganz am Rande.
Verwirrung bleibt als Epitaph
Es gibt nämlich noch eine dritte Ebene, die wichtigste, die des Erzählens. Emanuela Villagrossi trägt im Zentrum den Großteil des Textes vor, in elegischem Ton und doch energisch, mit großer Musikalität, Jazzmusik und ein Stück von King Crimson („Epitaph“) verstärken die von Villagrossi verströmte Tristesse: „Confusion will be my epitaph“ ertönt zum Liebesakt, zur „Liebe von Körpern ohne Seele“.
Verwirrung, das passt auf diesen liebevollen Nachruf auf die Anarchie, der so viel Trauer über die Schlechtigkeit des Systems in sich trägt. Vom Hass gegen den Staat ist die Rede, vom Marquis de Sade, bei dem der Körper zur Ware reduziert wird, von der Verkrampfung des Unterleibs, von der Virilität des einfachen Volkes – Leitmotive aus Pasolinis Gedankenwelt, wie sie in den „Freibeuterschriften“ zu lesen sind.
Frei von Ironie kommt diese Reminiszenz auf die Bühne, eine brave Ehrenrettung, mit beinahe heiligem Ernst vorgetragen. Am Schluss wälzt sich Carlo/Pasolini in den Dünen. Ein Hund mit einem riesigen Ast im Maul läuft durchs Bild, ganz ohne Herr, ein treuherziger Köter.
„REPUBLIC“: Junges Theater
Beim„Young Directors Project“ der Salzburger Festspiele sind heuer vier Dramen zu sehen: „Le Salon“ wird noch einmal am 6. 8. (18 Uhr) aufgeführt, „Come un cane senza padrone“ am 10. 8. um 20 Uhr. „Wiedersehen macht Freude“ läuft am 9./11. 8. um 19 und 21 Uhr, am 12./13. 8. um 15, 19 und 21 Uhr. „Lager“ vom 15. bis 17. 8. um 20.30 Uhr. Alles im „Republic“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2007)