Ennstal-Classic: Es war einmal in Amerika

Die Presse (Völker)
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Um Enns und Mur toste der Wettkampf der Gleichmäßigkeits-Racer. Wir huldigten ergriffen einem Rennveteranen und seinen großen Tagen, damals.

Wer begütert genug ist, in seiner Garage Blech zu versammeln, das nicht nur alt, sondern auch wertvoll ist, den überkam vor einigen Jahren die Lust, seine ruhenden Pretiosen zur Abwechslung einmal öffentlich durchzulüften. So kam ein Boom an Klassik-Veranstaltungen in Gange; mittlerweile toben an jedem Sommerwochenende drei Wettkämpfe mit historischem Gerät, heute freilich nicht am Tempo orientiert, sondern an Gleichmäßigkeit und allerlei Präzisions- und Geschicklichkeitsübungen. In den Cockpits regieren analoge Stoppuhren und Schnitttabellen, neumodisches Zeugs wie GPS ist unehrenhaft.

Das berühmteste jährliche Ereignis ist die Mille Miglia, die zwischen Brescia und Mantua wohlige Schauer verbreitet von der Zeit, als man noch wirklich volle Lotte auf öffentlichen Straßen unterwegs war und als gewiss der eine oder andere nichts ahnend und mit fatalen Folgen vor die Haustür trat. Das ging bis 1957 so. 1977 erfolgte das Revival als großteils entschärfte Klassiker-Rundfahrt (im Mai).

Auch die österreichische Ennstal-Classic, heuer zum 15. Mal ausgetragen, genießt hohes Ansehen in der europäischen Vintage-Community. Der Veranstalter ist in der feinen Lage, nicht alle Anmeldungen annehmen zu müssen, heuer ließ man es mit 200 Teilnehmern gut sein. Längst wollen auch andere am Erfolg teilhaben, so die Rallye Wien–Triest (22. bis 25. August); das Buhlen um Teilnehmer, Stars und Sponsoren kennt keinerlei nostalgische Gemütlichkeit.

Die Bestimmung unseres Mercedes SLS lautete Sölkpass, Stifserjoch und Stoderzinken, mithin die ganze prächtige Erde rund um Enns und Mur.
Mercedes gehört zu den Herstellern, die früh erkannten, dass es das Herumstehen im Museum nicht allein sein kann, und so bekommen die alten Schlachtrösser viel Auslauf dieser Tage. Heuer war auch Opel mit Werksautos dabei, ebenso Audi und natürlich die Italiener, ohne die ein klassischer Auflauf gradwegs undenkbar wäre.

Die Last der Verantwortung drückte diesmal besonders auf die Schultern Ihres Berichterstatters. Die Steigerung von rar lautet nämlich Einzelstück, und als solches hat unser SLS zu gelten.

Unter diesem (nie offiziellen) Kürzel lief eine nur zwei Stück umfassende Eskapade innerhalb der 300-SL-Baureihe; damit gewann ein gewisser Paul O’Shea 1957 die amerikanische Rennsportmeisterschaft. Jene Rennversion wurde um Windschutzscheibe, Seitenscheiben und Stoßstangen erleichtert, und mit gut 230 PS bei gerade 1100 Kilo Gewicht steht der SLS auch nach heutigen Schnelle-Autos-Maßstäben gut im Saft.

Mercedes hatte es 1957 mit dem Titel bewenden lassen, die zwei Autos verschwanden; einer tauchte vor Jahren wieder auf und wurde restauriert.
Klar, ohne Windschutzscheibe.

Wie fährt sich ein Auto, das vor 50 Jahren gegen Maserati, Ferrari und Jaguar bestand? Erstaunlich friedfertig. Dem 3,0-Liter-Reihensechszylinder sind Marotten fremd, er besteht bloß auf das gewisse Warmlaufritual (an dem frühmorgens sämtliche Hotelgäste teilhaben durften). Bis die 15 Liter Motoröl schließlich auf Temperatur sind, ist man eine gute halbe Stunde unterwegs. Die Gasannahme ist scharf, die Kupplung leichtgängig, die fünf Gänge sind mühelos zu verwalten. Das Steuerrad, ein dünner Holzkranz mit scharfkantigen Metallspeichen, verbittet sich aufgeregtes Gesäge. Im Gegensatz zu Straßenversionen des 300 SL kommen wir in den Genuss einer kurzen Übersetzung, die auf Berg­etappen manches Runterschalten vor Kehren obsolet macht. Aus niedrigen Drehzahlen arbeitet sich der Motor entschlossen bis ins helle Brüllen bei über 6000 Touren hoch; manche Schaulustige am Wegesrand wissen nicht, ob sie winken sollen oder den Kleinen die Ohren zuhalten oder sich selbst.

Im Standgas plotzt die Maschine ihre Arbeitstakte durch zwei seitliche Auspuffrohre hinter dem rechten Vorderrad ins Freie. Übrigens hat es einen ganz guten Grund, Auspuffrohre grundsätzlich am Heck anzubringen: Wir saßen trotz guter Lüftung – ohne Scheiben und Dach – dauerhaft im Abgas.

Mürrisch kann sich das Fahrwerk mit hinterer Pendelachse geben. Wer glaubt, einen Heckausbruch mit bloßem Gegenlenken kurieren zu können, macht die Rechnung ohne den berüchtigten nachfolgenden Gegenpendler, der wieder ganz eigenen Gesetzen gehorcht. Wir wanderten dennoch sicher wie der heilige Christophorus durchs Land, bloß klangmächtiger und stets dem freundlichen Straßenpublikum ergeben.

Über unsere Platzierung ein Mantel des Schweigens, oder sagen wir so: Wir gingen es sportlich an und rollten das Feld von ganz hinten auf, kamen dabei bloß nicht sehr weit. Das Gewinnen hatte ohnehin schon Paul O’Shea erledigt, vor 50 Jahren.

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