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Wittgenstein-Symposium: Auch alles, was der Fall sein kann

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Heuer ist die Philosophie der Informations-gesellschaft das zentrale Thema in Kirchberg.

Ich habe keine Ahnung, was absolute oder relative Wahrheit sein soll, ich unterscheide nur zwischen wahr und falsch.“ Ja, so spricht ein aufrechter Mann, ein amerikanischer Naturalist von echtem Schrot und Korn. Diesfalls Fred Dretske, Philosoph an der Stanford University, der den Eröffnungsvortrag des 30.Internationalen Wittgenstein-Symposiums in Kirchberg am Wechsel hielt.

Thema ist heuer die „Philosophie der Informationsgesellschaft“, und so war es an Dretske, eingangs zu klären, was denn Information eigentlich sei. Er tat das auf seine Weise, sah ganz lutherisch dem Volk aufs Maul und destillierte aus dem allgemeinen Sprachgebrauch drei Eigenschaften der Information: 1)Sie ist eine semantische Entität, die immer über etwas ist. Man darf sie nicht mit dem Signal verwechseln, das sie trägt. Nicht die Radiowellen sind Information, sondern die Radiosendung.

2)Information ist übertragbar.

3)Sie ist immer wahr. Wenn sie nicht wahr ist, dann ist sie keine Information.


„Wahrheit ist wichtig“

Diese Punkte widersprechen allen Versuchen, Information „objektiv“ mathematisch zu definieren, wie es etwa Claude Shannon tat: Dessen Zeichenketten sind für Dretske noch lange keine Information. Vor allem der dritte Punkt sorgte für Erregung. Dretske schürte sie noch, indem er feststellte, dass Computer – und da gehört für einen gestandenen Naturalisten stets das Hirn dazu – nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden können: „Augen und Ohren versorgen das Hirn mit Information.“ Kurz: „Information ist wichtig, weil Wahrheit wichtig ist und Information Wahrheit bringt.“

So schlicht und einfach ist das. Und so unterhaltsam. Die Rollenfigur des hemdsärmeligen amerikanischen Naturalisten, der die Welt so schlicht sieht, wie viele Philosophen denken, dass Naturwissenschaftler die Welt sehen, wirkt immer wieder erfrischend.

Erfrischender jedenfalls als der mahnende Zeigefinger des Konstruktivisten, der diesmal u.a. von Siegfried J.Schmidt, Philosoph in Münster, erhoben wurde. „Medienphilosophie: Diskurs oder Disziplin?“ hieß sein Vortrag, und tatsächlich machte er sich daran, den Myriaden philosophischer Begriffsklärungen über Medien, Information, „Medialität“ etc. eine weitere zuzugesellen. Dabei fielen große Sätze wie „Unsere Beziehung zur Welt ist kommunikativ“ oder – Achtung, Zeigefinger! – „Medien repräsentieren nicht die Realität.“

Sie müssen die Realität ja nicht vollständig repräsentieren: Auch dieses Kompromissangebot aus dem Publikum verweigerte Schmidt und behauptete: „Man kann nie eine Lawine beobachten.“ Weil die Beobachtung ja immer vom Beobachter – und vom Medium, das dazwischen steht – abhänge. Umgekehrt legt sich Schmidt lieber fest: „Die Evolution des Mediensystems hat unsere Beziehung zur Welt geändert.“ Zu beachten sei auch, dass Medienforschung „autologisch“ sei, weil ihre Ergebnisse ja in Medien präsentiert werden. Es ist damit zu rechnen, dass Schmidt dergleichen in den Sitzungen der „interdisziplinären Forschungsprogramme“, für die er plädiert, immer wieder mahnend sagen wird...

Etwaige Physiker im Gremium kann er dann mit dem einen oder anderen Zitat von Werner Heisenberg versöhnlich stimmen. Konstruktivisten lieben ja dessen Sicht der Quantentheorie, die Feststellung, dass man Messungen nicht vom Messinstrument abstrahieren könne. Im Grunde hat man als Messergebnis eine Menge von (digitalen) Signalen vorliegen: Information, wenn auch im Sinn von Shannon, nicht von Dretske.

Heisenbergs Schüler Carl Friedrich Weizsäcker hat einst versucht, die Quantentheorie auf elementare Ja-Nein-Entscheidungen („Ur“) aufzubauen, Anton Zeilinger hat diese Idee aufgegriffen und dafür plädiert, dass Formulierung von Naturgesetzen nicht zwischen Wirklichkeit und Information unterscheiden kann und darf. Diese spannenden Versuche, das Wesen der Information – gleich in einem Aufwaschen mit dem der Wirklichkeit – zu fassen, werden in Kirchberg nur kurz behandelt: Harald Edelbauer spricht am Freitag über die „informatische Wende in der Physik“ und huldigt dem Genius loci mit Anton Zeilingers Erweiterung der wohl berühmtesten Wittgenstein-Sentenz: „Die Welt ist alles, was der Fall ist, und auch alles, was der Fall sein kann.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2007)