Welchen Einfluss hat die Jahreszeit der eigenen Geburt auf den späteren Fortpflanzungs-erfolg? Die Antwort suchen Forscher der Uni und der Veterinärmedizin Wien.
„Ich glaube nicht an Astrologie. Aber ich lese das Horoskop, weil ich gehört habe, es gelte auch für die, die nicht daran glauben.“ Das ist ein leicht abgewandeltes Zitat von Niels Bohr, bei ihm ging es um Hufeisen als Glücksbringer. Und, keine Sorge: Die „Presse“ als eine Tageszeitung ohne Horoskop wird nicht plötzlich auf der Wissenschaftsseite über Astrologie berichten. Sehr wohl aber über den Einfluss des Geburtsdatums auf das spätere Leben.
„Mit Astrologie hat das gar nichts zu tun“, stellt Susanne Huber vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie (VetMed Wien) klar. Ihre Forschungen beziehen sich auf jahreszeitliche Rhythmen, denen jeder Organismus in gemäßigten und höheren Breiten ausgesetzt ist. Konkret befassen sich die von FWF und ÖAW finanzierten Studien mit dem Einfluss von geophysikalischen Parametern wie Tageslänge, Wetter und Temperatur auf die Entwicklung von Individuen. Auch die Ernährungssituation und die Anfälligkeit für Infektionen schwanken über das Jahr. „Um die Vielfalt von Faktoren in eine Analyse zu packen, nehmen wir als Rechengrundlage für jahreszeitliche Schwankungen das Geburtsdatum“, sagt die Oberösterreicherin. Begonnen hatte sie mit Forschungen an der Saisonalität der Fortpflanzung von Zieseln, dann kam sie per Zufall auf Untersuchungen an Menschen.
Im Prinzip laufen die aktuellen Forschungen über die Auswertung von Datenbanken. Huber und ihr Gatte Martin Fieder (Uni Wien) suchen sich Informationen über Geburtsdatum und andere persönliche Daten und betreiben Statistik damit. Dabei fanden sie in ihrer ersten Studie heraus, dass Männer, die im Herbst geboren waren, später weniger Kinder zeugten.
Statt 1,4 nur 1,1 pro Frau
Die Folgestudie an 2839 Frauen (Daten der Statistik Austria) zeigte, dass im Sommer geborene Frauen durchschnittlich 0,3 Kinder weniger zur Welt brachten. „Bei einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,4 pro Frau in Österreich ist das schon beträchtlich“, meint Huber. Als Auslöser für diese Unterschiede gibt es verschiedene Hypothesen sowohl genetischer Grundlage als auch der oben erwähnten geophysikalischen Parameter.
Den Einfluss eben dieser Umweltfaktoren (Tageslänge, Temperatur, Ernährung) während der Schwangerschaft und der frühen postnatalen Phase wollen die Forscher am Modellorganismus Meerschweinchen experimentell testen. Im Biozentrum der Uni Wien hält Barbara Bauer eine Gruppe von Meerschweinchen bei 18 Stunden Licht pro Tag und hoher Temperatur und eine Gruppe bei sechs Stunden Licht und niedriger Temperatur. Es zeigte sich, dass die im künstlichen Winter geborenen Tiere trotz identischer Fütterung weniger Gewicht zulegten als die „Sommerkinder“. Ergebnisse zur Fortpflanzungsfähigkeit der Tiere sollen ebenso folgen wie die der Auswirkungen von proteinreicher Sommernahrung im Gegensatz zu karger Winternahrung auf die Entwicklung der Individuen.
„Früher spielten jahreszeitliche Schwankungen bei der Ernährung eine starke Rolle, wie Analysen von historischen Humanpopulationen zeigen“, berichtet Huber. Obwohl wir heutzutage ganzjährig frisches Obst und Gemüse bekommen, kann man den jahreszeitlichen Rhythmus immer noch als biologisches Grundmuster der menschlichen Fortpflanzung ablesen. Sowohl die historischen Daten als auch die Ergebnisse von heutigen Frauen zeigten die geringere Fortpflanzung der im Sommer Geborenen.
„Den Beweis, dass wirklich die Jahreszeit der bestimmende Faktor ist, brachten unsere Forschungen auf der Südhalbkugel“, erklärt die Wissenschaftlerin. Die Analyse der Daten aus Neuseeland, wo im Juli und August tiefster Winter herrscht, zeigte, dass ein spiegelbildlicher Rhythmus der Fortpflanzung vorlag, mit dem Tiefpunkt des Fortpflanzungserfolges um genau sechs Monate verschoben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2007)