Der niederländische Schauspieler Jeroen Willems über seine zwiespältige Rolle im gefährlichen Liebesspiel "Quartett" und darüber, wie weit Menschen gehen.
Er ist ein genialer Verwandlungskünstler. Fühlt sich Jeroen Willems aber auch wohl hinter diesen ganz verschiedenen Masken, oder leidet er so wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde am Zwiespalt? „Es ist interessant, eine Rolle aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. In den Persern von Aischylos habe ich einmal alle drei Rollen gespielt. In Zwei Stimmen, mit dem ich vor kurzem im Wiener Schauspielhaus zu Gast war, geht es auch um eine Fantasie von jemandem, der sich in mehrere Figuren hinein denkt. Das ist eine Frage der Technik. Es gibt ein Wiedererkennen; Auch im Leben spielt man mehrere Rollen, hat sehr viele Masken. Sich selber muss man allerdings immer fragen, was ist eigentlich meine Identität?“
Bei den Salzburger Festspielen steht Willems ab diesem Samstag mit Barbara Sukowa in Heiner Müllers „Quartett“ auf der Bühne. In diesem Stück des 1995 verstorbenen ostdeutschen Dichters, einer Interpretation von Choderlos de Laclos Roman „Gefährliche Liebschaften“, werden auch die Rollen getauscht; der Mann spielt zeitweise die Frau, und umgekehrt. Wird Willems also die Sukowa imitieren, wenn er nicht den dunklen Grafen Valmont, sondern die intrigante Dame Merteuil spielt? „Wenn man nur eine billige Kopie macht, dann schaut der Zuschauer nur darauf, wie gut ihm die Nachahmung gelingt. Ich habe einmal Jacques Brel gespielt. Da habe ich es vermieden, ihn nachzumachen, das wäre doch am wenigsten interessant. Ich kann auch Barbara Sukowa nicht nachspielen, und ich werde es auch nicht tun. Ich werde aufmerksam beobachten, was sie in ihrer Interpretation macht, und werde versuchen, diese Interpretation aufzunehmen. Wir sind Mann und Frau, wir können einander nicht nachmachen, das kann nicht sein.“
Was bevorzugt er, die Romanvorlage aus dem 18.Jahrhundert oder das Zeitgenössische? „Das Werk von Laclos ist sehr schön, aber mir gefällt Müller besser. Er macht eine differenzierte Aufzeichnung darüber, wie weit Menschen gehen, wozu sie sich zwingen. Die Frage nach der Geschlechterrolle hat bei ihm schwere Konsequenzen, beschränkt sich nicht wie bei Laclos auf das Sexuelle. Es ist ein Machtspiel. Müller analysiert sehr scharf, das wird seine Bedeutung behalten. Was er mit Sprache, mit Worten macht, ist nicht zeitgebunden. Er kann so hart und direkt sein. Und zugleich ist er hochpoetisch, diese Kombination gibt es nicht so oft. Ich spüre bei all der gewalttätigen Sprache auch seine Hoffnung.“
Was hält Willems von den Salzburger Festspielen? „Man muss sicher darum kämpfen, sie aktuell zu halten. Ich finde es jedenfalls toll, wie sehr die Zuschauer hier mitgehen, ganz laut protestieren, wenn es ihnen nicht gefällt. Bei uns in Holland sind die Leute im Vergleich dazu alle ziemlich nett, wir hatten den Protest vor 30 Jahren.“
Wo gefällt es dem viel gereisten Schauspieler derzeit am besten? „In Polen ist im Moment sehr viel Interessantes los. Die Energie dieses Landes kommt jetzt voll heraus, es gibt dort anscheinend noch viel zu bekämpfen. Das spürt man, und das ist sehr gut. In den Niederlanden will man zeigen, wie tolerant das Land ist, aber im Grunde erfahren wir derzeit eine Polarisierung.“
Und immer wieder den Text lesen
Wie bereitet man sich auf ein Stück in einer Fremdsprache vor? „Ich habe den Text zuerst intensiv auf Holländisch gelesen, denn der Text auf Deutsch ist kein einfacher. Ich bin ein Schauspieler, der sehr viel auf der Bühne selbst entdeckt. Den Text zuvor schon auswendig zu kennen liegt mir nicht. Wir lesen den Text immer wieder, lesen ihn ganz einfach am Tisch sitzend und reden darüber. Man muss dabei ganz ruhig werden, das Verkörpern erfolgt erst im Laufe der Proben, langsam und ohne Druck. Lesen und dann darüber reden, das finde ich toll. Wir sind am Tisch geblieben und haben gelesen, bis ich gesagt habe, ich brauche mehr Raum. Dann erst ist man bereit, auf die Bühne zu gehen.“
Worum geht es in dem Stück, wenn man es kurz zusammenfassen muss? „Die meisten kennen den Inhalt vom Film Gefährliche Liebschaften mit John Malkovich und Glenn Close. Es geht um einen Liebesstreit, um Macht, um zwei ebenbürtige Gegner auf diesen Feldern. Der Subtext der Geschichte ist politisch, behandelt die Revolution und bei Müller zugleich auch die Apokalypse. Den Film habe ich mir jetzt nicht wieder angeschaut, das wäre mir zu gefährlich.“
JEROEN WILLEMS als Valmont
Mit „Zwei Stimmen“, einem prämierten Solostück frei nach Pasolini, trat der Niederländer (*1962) weltweit auf. Neben Theater macht er auch Kino, u.a. in „Ocean's Twelve“ von Steven Soderbergh.
In Heiner Müllers „Quartett“ spielt Willems den Valmont. Premiere in Salzburg: 11.8.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.08.2007)