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Wer Auto fährt kommt zu spät

Autofahrer unterschätzen die Zeit, die sie zu Ihrem Ziel brauchen. Drastisch.

Diesmal ist es auch mir passiert. Und wie! Mehr als eine halbe Stunde Verspätung. Termin ziemlich weit draussen am Stadtrand. Sommer ist's, wenig Verkehr, da geht's mit dem Auto doch viel rascher. Glaubt der Laie. Rein in die Kiste, und dann ging es schon los. Engstelle hier, endlose Schlange vor einer Ampel da, die Ungeduld steigt. Man steht, staut und ärgert sich.

Ja, ich weiß, der Stau sind wir selbst, wir hier alle (allein) im Auto. Nebenbei ziemlich peinlicher Anruf, sorry, verspäte mich, steck' im Stau.

Es tröstet zwar wenig, ist aber eine Tatsache: Ich bin nicht allein. Autofahrer kommen immer zu spät, müssen zu spät kommen.

Und zwar deswegen: Werner Brög, ein international angesehener Wissenschafter, hat Verkehrsteilnehmern eine simple Frage gestellt. „Schätzen Sie, wie lange brauchen sie mit ihrem Verkehrsmittel zu Ihrem Ziel?“ Diese Frage stellte er Autofahrern sowie Benutzern öffentlicher Verkehrsmittel. Anschließend wurde gemessen, wie lang die Fahrt tatsächlich dauerte.

Ergebnis: Autofahrer unterschätzen chronisch die tatsächliche Zeit, und zwar im Schnitt um mehr als 50 Prozent, Öffi-Nutzer hingegen glauben, dass sie länger unterwegs sind, als es der gemessenen Realität entspricht.


Diese Untersuchung unternahm Brög nicht einmal, sondern immer wieder, über die Jahre hinweg, in vielen verschiedenen Ländern und Kulturkreisen. Das Ergebnis war überall das gleiche: Autofahrer glauben, nein, sind sicher, dass sie viel schneller sind, als es irgend möglich wäre. Und müssen deswegen (fast) immer und überall zu spät hinkommen.

Verkehrsverhalten ist zutiefst irrational. Wäre es das nicht, unsere Städte sähen mit Sicherheit anders aus.

Dass Parkplatzsuche Zeit braucht, dass man nicht wie in der Autowerbung allein auf der Straße ist und es zu Staus kommen kann, dass Ampeln rot sein können, Baustellen möglich sind, hat sich offensichtlich noch nicht herumgesprochen.

Wer jedoch weiß, nein fühlt, wie quälend lange Minuten sein können, wenn man auf die Bim wartet, der muss seinen Weg länger einschätzen, als er ist. Tröstlich ist irgendwie, dass dies ein globalisiertes Gefühl ist.

Wahrscheinlich hat Hermann Knoflacher wirklich recht, auch wenn er ob dieser These belächelt wird: Der Autofahrer ist eine eigene Spezies. Kein homo sapiens, der seine Urinstinkte durch Vernunft zügeln kann, sondern ein homo autofahriensis.

Ich entdecke ihn mit Staunen immer in mir, wenn ich gebückt hinter der Windschutzscheibe fluche.


chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2007)