Der Deutschen liebste Reizthemen

Debatte. Tondokumente aus dem Stammheim-Prozess beleben Filmwerbung. Die heftigste Diskussion aber entzündet sich derzeit um den Mauer-Schießbefehl.

Hitler, RAF, Schießbefehl an der Berliner Mauer– die deutsche Debatte über Zeitgeschichte hat ihre Lieblingsthemen, die immer wieder neu aufgelegt werden. Hitler scheint nach dem Film „Der Untergang“ (2004) derzeit abgehakt. Joachim Fests Hitler-Biografie und die Erinnerungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge lieferten die Basis für den Film, den Bernd Eichinger produzierte.

Diesmal funktioniert die Vermarktung ähnlich. Das Sujet aber heißt RAF. Der 61-jährige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust, der bereits 1985 ein Standardwerk zur RAF publizierte, liefert die Fakten zu „Der Baader-Meinhof-Komplex“, einem ebenfalls von Eichinger produzierten Film, mit Martina Gedeck und Moritz Bleibtreu, der 2008 in die Kinos kommt. Regie: Uli Edel. Die jählings aufgetauchten Zeitzeugen sind die toten Terroristen selbst. Wie das? Bei der Recherche zu seinem für Herbst geplanten ARD-Zweiteiler über die RAF fand Aust im Gericht versehentlich nicht gelöschte Tondokumente aller vier Angeklagten aus dem Stammheimer Prozess zwischen Mai 1975 und April 1977: von Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin, Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

Das RAF-Geschäft läuft seit Jahrzehnten. Einer der berühmtesten Filme ist „Deutschland im Herbst“, Episoden u.a. von Rainer Werner Fassbinder (1978). Weitere Titel: „Die bleierne Zeit“ von Margarethe von Trotta über Gudrun Ensslin (mit Barbara Sukowa, 1981), „Stammheim“ von Reinhard Hauff (1986), das TV-Doku-Drama „Das Todesspiel“ (1997) von Heinrich Breloer („Speer und er“) oder „Die innere Sicherheit“ von Christian Petzold (2001).

Auch Bücher gibt es zuhauf. Zuletzt legte Ulrike Meinhofs Tochter Bettina Röhle 2006 ihr Buch „So macht Kommunismus Spaß“ über Meinhof und Klaus Rainer Röhl vor. Meinhof wurde von Johann Kresnik in Tanztheater verwandelt, die RAF tourte als Ausstellung durch die Lande. Trotzdem haben die jüngsten Enthüllungen über Tonbanddokumente den erwünschten Staub aufgewirbelt: „Mythische Stimmen aus dem Jenseits“, schrieb der „Spiegel“. „Deutschland rückt nach links“, titelt in ihrer neuesten Ausgabe „Die Zeit“, die sich mit dem Wunsch von Personen völlig unterschiedlicher Weltanschauung nach sozialer Wärme befasst – und wie sich die 68er-Ideale seit der 68er-Revolte entwickelt haben.

Deutschland aber ist bereits zu einem weiteren heißen Debattenthema übergegangen: dem von DDR-Größen geleugneten Schießbefehl an der Berliner Mauer. Der ist nun schriftlich dokumentiert: Die Stasi ordnete sogar die Liquidierung von Frauen und Kindern an. Zeitungen stellen einen Zusammenhang mit dem lang geleugneten Führer-Befehl zur Judenvernichtung her.

Schießbefehl: Staatsanwalt prüft

„So wie im Nazi-Reich eine von staatlichen Stellen ins Werk gesetzte Tötungsmaschinerie ohne Weisung ,von ganz oben‘ schlechterdings nicht vorstellbar war, so geschah auch im ,antifaschistischen Schutzwall‘ der DDR nichts ohne Befehl“, schreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Ganz neu ist die Nachricht übrigens nicht. Sie wurde bereits 1997 publiziert – aber ignoriert.

Stasi-Chef Mielke redete 1989 von Flüchtlingen, als wären sie Ungeziefer, erinnert „Die Welt“, trotzdem sei erwiesen: „Die DDR war keine kommode Diktatur, in der sich machtabgewandt ganz gut leben ließ, sondern Teil der zweiten großen Barbarei des 20.Jahrhunderts.“ Der nunmehr dokumentierte Schießbefehl dürfte in nächster Zeit von allen drei Reizthemen für das größte Aufsehen sorgen – und die Entdeckung wird vielleicht sogar weiter reichende Konsequenzen haben. Die Berliner Staatsanwaltschaft prüft bereits, „ob das Dokument Anlass für weitere Schritte sein könnte“. siehe auch S. 8

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2007)

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