Entzauberte Analysten

Wer Ratings und Analysen vertraut, sitzt in Krisenzeiten schnell auf Verlusten.

Es sieht so aus, als wäre die Krise der amerikanischen Hypothekarfinanzierer gar keine US-Malaise, sondern eine der europäischen Banken. Die haben sich die Risken der „Subprime“-Finanzierer relativ elegant umhängen lassen.

Zwar sind seit dem Ausbruch der Krise gegen Ende des Vorjahres gut 160 amerikanische Hypothekarfinanzierer insolvent geworden, aber deren faule Darlehen tauchen in beängstigendem Ausmaß in Form von sogenannten „mortgage backed securities“ (mit Hypothekarkrediten unterlegte Anleihen) in den Büchern europäischer Großbanken wie Commerzbank, WestLB, BNP Paribas etc. auf. Folgerichtig war in den vergangenen Tagen auch die Nervosität an den europäischen Börsen viel größer als jene in den USA.

Durch die besonnene Reaktion der drei wichtigsten Zentralbanken dieses Globus (Fed, EZB und Bank of Japan) werden die Schockwellen schon wieder abebben. Ein paar Fragen stellen sich Anleger aber trotzdem. Zum Beispiel jene nach der Vertrauenswürdigkeit von Ratings und Analysen.

Immerhin haben viele der mit US-Hypothekar-Schrott voll gepackten Anleihen, die sich die europäischen Banken zuhauf andrehen haben lassen, noch vor kurzem erstklassige Ratings von renommiertesten Rating-Agenturen bekommen. Haben die Ratingprofis da geschlafen? Oder „wünsch dir was“ für ihre US-Kunden gespielt?

Aber das ist ein Problem der Profis. Privatanleger, die den Spezialisten ihrer Hausbanken vertrauen, grübeln jetzt eher über die Qualität der einschlägigen Aktienanalysen. Es stimmt zwar, dass jeder Analyst, der etwas auf sich hält, in den vergangenen Monaten nebulos vor „Turbulenzen“ im Sommer gewarnt hat. Was aber keinen daran hindern konnte, Anleger mit ständigen Kaufempfehlungen in zu teure Engagements zu treiben.


Besonders pikant: Ausgerechnet die selbst betroffenen Institute (etwa Bear Stearns, Commerzbank, Deutsche Bank etc.) haben einander in den vergangenen Wochen „Buy“-Empfehlungen zuhauf umgehängt. Wer das ernst genommen hat, sitzt derzeit auf Verlusten. Es zeigt sich jedenfalls wieder einmal: Ratings und Analysen sind nur in Zeiten akkurat, in denen man sie nicht braucht. Weil es ohnehin nur in eine Richtung geht, nämlich nach oben.


josef.urschitz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2007)

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