Auch „tausendjährige Erfahrung“ kann Unsinniges produzieren, das zeigt das Beispiel TCM.
Man erkennt Männer, die in einer halbwegs langjährigen Beziehung (mit einer Frau) leben, u.a. auch daran, dass sie wissen, wer Dr.House ist. Das ist nämlich, liebe Junggesellen, Homosexuelle und Frischverliebte, kein Mode-DJ des späten 20.Jahrhunderts, sondern der Titelheld einer amerikanischen TV-Krankenhausserie, der seit einiger Zeit den Damen aller Lebensabschnitte den Kopf verdreht – bisweilen wörtlich, wenn sie nämlich das Fernsehgerät ungünstig positioniert haben, was sie womöglich in die Hände eines Heilmasseurs oder, schlimmer, in die Ordination eines Feng-Shui-Praktikers treibt, aber davon ein anderes Mal.
Zurück zu Dr.House, der von Hugh Laurie dargestellt wird, der seit ca. zweieinhalb Monaten Officer des Order of the British Empire und tatsächlich recht fesch ist, was soll man dazu sagen? Vielleicht, dass es hoch an der Zeit ist, den fernsehenden Männern ein weibliches Pendant zu bieten: Wir Hypochonder würden es mit steigenden Quoten danken, und unsere real existierenden Ärztinnen würden sich wundern, welch seltene Krankheiten wir fehlerlos aussprechen können.
Zu begrüßen ist die Serie, weil Dr.House in mehreren Folgen zum vorbildlich wütenden Who-Song „Baba O' Riley“ einen schnittigen Luftsynthesizer spielt, aber auch, weil sie medizinisch ziemlich korrekt ist. Und vielleicht als Remedium gegen die wuchernde Szene diverser esoterischer Heil(s)methoden dienen kann. (Ich weiß, allein das Adjektiv „esoterisch“ sichert mir empörte Zuschriften, aber ich kann nicht anders.) Etwa gegen die „Traditionelle Chinesische Medizin“ (TCM), deren Praxis ich nicht beurteilen kann und will, aber deren „Theorie“ so irrational und unsinnig ist, dass es mich krank macht, dass ich geradezu meine, „aufsteigendes Leberfeuer“ zu spüren, „das sich in Kopfschmerzen, Wallungen oder Bluthochdruck manifestieren kann“.
Diese Beschreibung entnehme ich einem Artikel auf der „Wissen“-Seite einer im Eigentum der Republik Österreich befindlichen Tageszeitung, in dem ausführlich Werbung für die TCM und die TCM-Privatuniversität Li Shi Zhen in Wien gemacht wird. An diesem Institut lernt man u.a. die Zang-Fu-Theorie der Organe, nach der z.B. die Lunge als Yin-Organ und der Dickdarm als Yang-Organ oder die Milz (Yin) und der Magen (Yang) zu jeweils einer „energetischen Einheit“ verbunden sind. An Syndromen kennt die TCM, ich zitiere aus besagtem Artikel, Säftemangel, Blut-, Yang- und Yin-Schwäche. Da fällt die Wahl schwer.
Mein Leberfeuer, das Anhänger der traditionellen altgriechischen Medizin hippokratischer Tradition wohl als cholerische Aufwallung deuten würden, könnte ich, traute ich der TCM, durch Einnahme von Präparaten bekämpfen, die Bärengalle enthalten. Diese wird lebenden Bären per implantiertem Röhrchen abgezapft und soll auch Erleichterung bei Krämpfen verschaffen, die Sehschärfe verbessern und Hitze sowie giftige Stoffe entfernen.
Ich denke, es ist im Interesse sowohl der Bären als auch der menschlichen Vernunft, dass ich zwecks Verbesserung der Sehschärfe lieber eine Brille trage und mein akutes Leberfeuer mildere, indem ich diese Kolumne schreibe. Da geht's mir deutlich besser als Dr.Gregory House: Er muss sich in solchen Notfällen wohl auf sein geliebtes Vicodin verlassen.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.08.2007)