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Mehr Burka als Prada

Wien ist voll von vermummten Frauen aus dem Orient – ein nahezu obszöner Anblick.

Wer in diesen Tagen durch die (noch) hochsommerliche Wiener Innenstadt flaniert, dem bietet sich mancherorts ein Straßenbild fast wie in Jeddah oder Riad: In Scharen frequentieren Touristen aus Saudiarabien und den anderen Petro-Monarchien Graben, Kohlmarkt und Kärntner Straße. Zu übersehen sind sie kaum, da sie auch in Westeuropa stets die schmucken Kleider ihrer orientalischen Heimat tragen.

Das ist grundsätzlich durchaus erfreulich. Denn die Reisenden aus dem Nahen Osten bringen nicht nur optisch exotische Tupfer ins ja an sich nicht besonders exzentrische hiesige Straßenbild, sie erfreuen dank ihrer Neigung zu üppigem Konsum auch die ortsansässigen Nobelköche und Luxusherbergen und natürlich sämtliche Milliardärsausstatter zwischen dem Meinl am Graben und dem Michaelerplatz.

Höchst störend – um es einmal gastfreundlich zu formulieren – ist freilich für das Auge des auch nur einigermaßen empfindsamen westlichen Betrachters, dass die meisten Frauen jener Provenienz durch die Stadt laufen, als hätte sie jemand in einen Ballen schwarzes Tuch eingewickelt und nur einen Sehschlitz für die Augen frei gelassen. Burkas sind in der Wiener City derzeit häufiger zu sehen als Damen in Jil Sander oder Prada.

Wie freiwillig diese Maskerade ist, entzieht sich naturgemäß unserer Erkenntnis. Auf das Auge des Europäers, der das Vermummen von Frauen bis zur Unkenntlichkeit nicht gerade für einen zentralen europäischen Wert hält, sondern eher für ein Symbol der Frauenverachtung (und nebenbei der Angst vor der eigenen männlichen Sexualität), wirkt dieser Aufzug bedauerlicherweise eher abstoßend, um nicht zu sagen obszön.

Ganz salopp gefragt: Wie kommt man eigentlich dazu, sich mitten in einer europäischen Metropole am Beginn des 21.Jahrhunderts derart zugerichtete Frauen samt ihrer sich darob nicht im geringsten genierenden Männer ansehen zu müssen? Exhibitionisten lässt man ja auch nicht ungestraft bei hellem Tageslicht vor der Stephanskirche ihr vergleichsweise harmloses Hobby ausüben.

Zumal unsere orientalischen Gäste in ihrer Heimat üblicherweise nicht das geringste Verständnis dafür aufbringen, dass Westeuropäerinnen eine andere Kleiderordnung präferieren, die auf das fromme islamische Auge abstoßend wirken mag. Würde eine Westeuropäerin so ungeniert im knallengen Mini mit nabelfreiem Shirt durch Riad laufen wie unsere arabischen Gäste vemummt durch Wien, würde sie sich günstigstenfalls im nächsten Flieger nach Wien, ungünstigeren Falls in einer eher unwirtlichen Zelle der saudischen Religionspolizei wieder finden.

Es zeugt daher nicht wirklich von übermäßig entwickelter kultureller Sensibilität, wenn unsere hoch geschätzten Besucher aus dem Morgenland nichts dabei finden, uns einen Anblick zuzumuten, den sie selbst in ihrer Heimat nicht einen Augenblick lang tolerieren würden.

Da aber die Einführung einer hiesigen Antireligionspolizei zur Durchsetzung eines Vermummungsverbotes auch keine so gute Idee ist, bleibt uns nur meteorologischer Trost: Ab September wird's auf der arabischen Halbinsel wieder etwas kühler.

Christian Ortner ist Journalist in Wien.


christian-ortner@chello.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2007)