Österreichs Grundlagenforschung: „Sehr weit weg von der Spitze“

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Ein internationaler Vergleich von Publikationen fällt ernüchternd aus.

Platz 15 von 30. „Für ein Land, das seine Zukunft im High-Tech-Bereich sucht, sind wir sehr weit weg von der Spitze“ – konstatiert Christoph Kratky, Präsident des Wissenschaftsfonds (FWF), also der Institution, über die in Österreich ein beträchtlicher Teil der Förderung der Grundlagenforschung läuft.

Die ernüchternde Studie hat der FWF selbst in Auftrag gegeben: Sie misst den wissenschaftlichen Erfolg an der Anzahl der Publikationen und der Zitierungen (siehe Kasten) in den anerkannten Fachzeitschriften, die im „ISI Web of Knowledge“ vertreten sind. Das ist in den Natur- und Sozialwissenschaften international üblich – in den Geistes- und Kulturwissenschaften eher nicht, darum wurden sie auch nicht in der Studie erfasst. Gewichtet wurde nach zwei Methoden – bezogen auf die Einwohnerzahl oder auf das Bruttoinlandsprodukt –, die Ergebnisse unterscheiden sich nicht wesentlich.

Top: Schweiz, Schweden, Dänemark

Ausgewertet wurden 30 Länder (21 europäische, dazu USA, Kanada, Israel, Japan, Singapur, Taiwan, Südkorea, Australien, Neuseeland). In der Anzahl der Zitierungen pro 1000 Einwohner liegt Österreich an 15.Stelle (mit 95,3; das Spitzentrio bilden Schweden, Schweiz und Dänemark mit 278,8; 207,9; 185,7). Auch in der Anzahl der Publikationen pro 1000 Einwohner hat Österreich den 15.Platz. Österreich müsste seinen Wert also fast verdreifachen, um an die Schweiz anzuschließen. Die USA liegen in der Gesamtwertung der Zitierungen übrigens nur auf dem 10.Platz, hinter Kanada.

„Überrascht bin ich nicht so sehr über den 15.Platz, sondern über den großen Abstand zur Spitze“, meint Kratky. Auffällig sei die große Homogenität unter den Disziplinen: „Gute Länder sind überall gut, Österreich ist überall im Mittelfeld.“ In Mathematik (12.Platz, führend: Israel, Schweiz, Frankreich) und Physik (7.Platz, führend: Schweiz, Israel, Dänemark) sind wir vergleichsweise stark. (Die führende Rolle der Schweiz in der Physik wird freilich durch den Standort des Cern-Instituts in Genf verstärkt.) Unterdurchschnittlich schneidet Österreich in den Ingenieur-, Umwelt- und Geowissenschaften sowie in Psychologie ab, besonders schlecht in den Agrar- und Sozialwissenschaften.

„Es scheint nicht empfehlenswert, dass sich ein ganzes Land auf ein, zwei Schwerpunkte konzentriert“, interpretiert Kratky. Das spreche nicht unbedingt gegen die geplante „Exzellenzuniversität“ ISTA, die könne als „Schrittmacher“ interessant sein. Dass z.B. die Schweiz so erfolgreich ist, sei „Produkt einer Haltung“ – obwohl dort freilich auch mehr Geld für Förderung der Grundlagenforschung verwendet wird.

FWF für mehr Forscher-Wettbewerb

Ist der FWF selbst mit schuld? Kratky gibt zu bedenken, dass nur 15 Prozent der Mittel, die die Unis für Grundlagenforschung ausgeben (ca. eine Milliarde Euro im Jahr) vom FWF kommen. Er glaubt, dass der Anteil der „kompetitiv einwerbbaren Mittel“ – der Förderungen, die aufgrund des Urteils unabhängiger Gutachter vergeben werden – noch steigen muss. Tendenziell hinke in Österreich erstens die Grundlagenforschung hinter der angewandten Forschung nach. Auffällig hoch sei bei dieser der Anteil der indirekten Förderungen durch Steuerabschreibungen von Firmen... – Zweitens bewirke der Druck der öffentlichen Meinung, dass die Unis die Lehre und nicht die Forschung als primäre Aufgabe sehen. Die Angaben, dass die Unis ca. 44 Prozent (von ihren 2,3 Milliarden pro Jahr) für Forschung ausgeben, seien auch schwer überprüfbar.

Was tun? Wesentlich sei die Personalpolitik an den Unis. Kratky meint da nicht so sehr die viel beklagten „Hausberufungen“ von Professoren, die ohnehin seltener gewordener sind. „Ich kenne aus dem Haus berufene Professoren, die sich zu Superstars entwickelt haben.“ Entscheidend sei demnächst der Mittelbau: Bei Assistenten und Dozenten Hier stehe eine „Pensionswelle“ bevor, man müsse bei den Nachbesetzungen der sog. „Qualifikationsstellen“ (die laut Kollektivvertrag in unbefristete Anstellungen umgewandelt werden können) vor allem wissenschaftliche Kriterien werten.

WAS ZÄHLT: Zitierungen

Eine Publikation in einer wissenschaftlichen Zeitschrift gilt in den Naturwissenschaften als umso erfolgreicher, je öfter sie in anderen Publikationen zitiert wird, man nennt das ihren „Impact“. Auch ganze Zeitschriften werden nach „Impact-Faktoren“ bewertet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2007)

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