Wenn keiner mehr dem anderen traut

Die vom US-Hypothekenmarkt ausgehende globale Finanzkrise wird nicht nur weiter für Börsenturbulenzen sorgen, sondern auch das Währungsgefüge durcheinander bringen und die Weltwirtschaft abbremsen. Der Dollar gilt als Abwertungskandidat.

Eigentlich ist noch nicht viel passiert: Trotz aller Börseturbulenzen steht der deutsche Aktienindex DAX gegenüber dem Jahresbeginn immer noch deutlich im Plus, der amerikanische Dow Jones leicht. Selbst der besonders gebeutelte österreichische ATX hat heuer insgesamt nur marginal verloren. Zumindest bisher.

Wer sein Erspartes in Aktien stecken hat und diese schon einige Zeit hält, hat also mit großer Wahrscheinlichkeit bisher nicht nur keine Verluste erlitten, sondern immer noch mehr verdient als mit Sparbüchern oder Anleihen. Nur eben nicht so viel, wie er noch vor kurzem geglaubt hat.

Die derzeit laufende Korrektur offenbar überzogener Börsenkurse ist also noch keine Katastrophe. Aber sie könnte eine werden. Denn unterdessen sind sich alle Experten einig, dass deutlich mehr hinter den Turbulenzen steckt als Zahlungsprobleme von ein paar „Subprime“-Hypothekarfinanzierern in den USA, die ein paar Anleger nervös gemacht haben.

Krise des Finanzsystems

Es sieht vielmehr so aus, als hätten wir es mit einer tiefgreifenden Krise des Finanzsystems zu tun, die die Welt noch einige Zeit in Atem halten wird. Und die, auch wenn das „Beschwichtigungshofräte“ aus der Politik und der Finanzwirtschaft jetzt noch vehement dementieren, auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen wird. Zumindest eine Wachstumsabschwächung, wenn nicht gar eine Rezession könnte in wichtigen Märkten die Folge sein. Wer glaubt, dass derzeit ein simpler Börsen-Sommerschlussverkauf stattfindet und ab September alles wieder so weiterläuft wie bisher, irrt wahrscheinlich.

Klares Systemversagen

Das, was Finanzexperten jetzt „Vertrauenskrise“ nennen, ist ein durch völlige Intransparenz ausgelöstes Systemversagen. Begonnen hat es mit dem Zusammenbruch von Hypothekarfinanzieren in den USA, die offenbar in zu großem Stil zu hohe Kredite an Kunden mit zu schlechter Bonität vergeben haben. Eine dumme Geschichte, aber ein lokales Problem.

Zur globalen Krise ist die Sache geworden, als sich herausgestellt hat, dass die US-Hypothekarfinanzierer ihre Risken unter anderem in Form von „Mortgage Backed Securities“ (mit Hypo-Krediten unterlegte Anleihen) an asiatische, vor allem aber europäische Banken weitergereicht haben. Mit anderen Worten: Die international agierenden Banken haben (das ist Teil ihres normalen Geschäftes) einen schwunghaften Handel mit Kreditforderungen getrieben. Allerdings auf eine intransparente Weise, sodass keiner mehr weiß, wo jetzt welche Risken liegen.

Außer den Betroffenen selbst natürlich. Aber die schweigen. Die Folge: Eine drastische Liquidätsverknappung, weil keiner dem anderen mehr traut – und ihm deshalb auch kein Geld borgen will. Auch dann nicht, wenn Ratingagenturen dem Schuldner erstklassige Bonität bescheinigen. Denn dass die Ratingagenturen in der Subprime-Krise schlicht versagt haben und deren Bewertungen ziemlich wertlos waren, gilt unterdessen als Allgemeingut. „Rating kommt offenbar von raten“, kommentierte ein österreichischer Banker die Lage.

Dieser Vertrauensverlust im und in das Finanzsystem hat bereits Folgen:
•In den USA, wo es für „Häuselbauer“ sehr schwierig geworden ist, Kredit zu bekommen, ist der Hausbau drastisch eingebrochen, die Bauwirtschaft schlittert bereits in eine Auftragskrise.
•Weltweit müssen die Notenbanken mit Geldspritzen eingreifen, um das Bankensystem liquid zu halten. Die plötzliche Risiko-Aversion der Banken wird aber, auch da sind sich die Experten einige, sehr schnell zu Problemen bei Unternehmenskrediten führen. Eine klassische Wachstumsbremse.
•Um die USA vor einer Rezession zu retten, wird die US-Notenbank wahrscheinlich demnächst ihre Leitzinsen deutlich senken. Das wird den Dollar weiter unter Druck bringen.
•Ein Dollar jenseits von 1,40 zum Euro bringt die europäischen, vor allem aber die asiatischen Exportbetriebe ins Schwitzen. Ein klassisches Szenario für einen weltweiten Konjunkturabschwung.

Fluchtwährung Rubel?

Man wird sich in den nächsten Monaten also nicht nur auf weiter turbulente Börsen, sondern auch auf die eine oder andere Währungskrise einstellen müssen. Schon jetzt entwerfen Währungsanalysten interessante Szenarien. Zum Beispiel jenes, dass kurzfristig der Yen (wegen der Dollarrutsch-bedingten Auflösung sogenannter Carry Trades), mittelfristig aber Rubel und chinesischer Yuan zu Fluchtwährungen werden könnten. Und das hätte vor kurzem wirklich noch niemand für möglich gehalten.

Allerdings: Kein Anleger kann sagen, er wäre nicht gewarnt worden. Spätestens an jenem Tag im Juli, als der US-Präsident selbst ins TV ging, um eine Botschaft des Inhalts „nur keine Panik, wir haben alles im Griff“ abzusetzen, war für aufmerksame Beobachter klar: Jetzt brennt der Hut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2007)

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