Horror mit Puppen, Spaß mit Publikum – seltsame Spiele beim "Young Directors Project".
Ein grässliches Experiment mit dem Horror bot am Mittwochabend die abschließende vierte Premiere des „Young Directors Project“ der Salzburger Festspiele. Die Rotterdamer Gruppe „Hotel Modern“ präsentierte „Lager. Eine theatralische Animation in Echtzeit – ohne Worte.“ Die puppenspielenden Regisseure Pauline Kalker, Arlène Hoornweg und Hermann Helle hatten das Vernichtungslager Auschwitz im Minimundus-Format aufgebaut, es füllte die Bühne des „republic“; Mini-Krematorium, Mini-Gaskammer, Mini-Wachtürme, eine Spielzeugeisenbahn, tausende ausgemergelte, acht Zentimeter große Figuren hinter Stacheldraht waren das Spielmaterial, um eine Stunde lang den Alltag in Auschwitz nachzustellen. Sogar die Inschrift „Arbeit macht frei“ leuchtete putzig aus dieser Installation.
„Wir praktizieren schwarzen Humor, probieren auf einfache und spielerische Weise schwere Themen zu bearbeiten“, heißt es von der Gruppe im Programmheft. Genau das ist das Problem. Eignet sich Marionettentheater, so lauter die Absichten auch sind, so feierlich die grau gewandeten Spieler schweigend über die Bühne huschen, zur Darstellung des Holocaust? Soll man KZs als Bastelbogen anbieten? Zu nah scheint dieses Projekt geschmacklosen Videospielen, es bietet eine Melange aus Installation, Puppenspielerei und Film.
Radetzkymarsch als Totentanz
Mit der Handkamera wird auf die große Leinwand projiziert, wie ein KZ-Wächter einen erschöpften Häftling zu Tode prügelt, wie ein anderer die Giftkristalle in die Gaskammer leert und darin zerbrechliche, fast durchsichtige Figuren sterben, wie Puppen Puppen in den Ofen schieben. Dann wieder fährt die Kamera eine Ewigkeit lang über die Menschenmassen, jede Puppe hat ein individuelles Gesicht, das von Leid entstellt ist. Kommentarlos läuft das ab, mit bedrohlicher musikalischer Untermalung (Sound-Design: Ruud van der Pluijm). Vom Radetzkymarsch bis zum Horst-Wessel-Lied reicht der Totentanz.
Man kann dieses Spiel als ekelhafte Show ablehnen oder als besonders raffinierte didaktische Übung preisen, die Auschwitz vor allem im Kopf entstehen lässt. Kalt wird „Lager“ niemanden lassen, außer vielleicht jenen einzelnen Besucher, der in den vorsichtigen Premieren-Applaus hinein „Bravo!“ rief. Ein persönliches Resümee: Bitte keine zynischen Spielereien zu diesem Thema, selbst wenn eine widersprüchliche Erfahrung haften bleibt; was wirklich beeindruckte an dieser Miniaturisierung, war der kalte Blick auf die tatsächliche Größe des Verbrechens. „Wie Fliegen für mutwillige Buben sind wir den Göttern. Sie töten uns zum Spaß“, heißt es bei „König Lear“. Zu einem derart grausamen Mitwisser wurden die Zuseher von „Lager“ gemacht.
Zwölf Schauspieler suchen zwölf Zuseher
Mindestens so experimentell, die Grenzen des Theaters auslotend, verlief zuvor die dritte Premiere im „republic“. Die Regisseure Stefanie Lorey und Björn Auftrag konfrontierten in „WMF. Wiedersehen macht Freude“ zwölf Zuseher mit zwölf Schauspielern. Diese Koproduktion des „schauspielfrankfurt“ und des Berliner HAU–Theaters bot eine intensive Stunde. Die Zuseher wurden gebeten, sich an jeweils eines von zwölf in vier Reihen platzierten Tischchen zu setzen. Gegenüber nahm ein Schauspieler Platz, der über Kopfhörer Texte eingesagt bekam. Kaum hatte man sich an das Gegenüber gewöhnt, wurde reihum getauscht. Banalitäten über die Kunst des Fliesenlegens, Bekenntnisse, wie man sich abtrockne, wechselten sich ab mit erkenntnistheoretischen Monologen oder gar lyrischen Passagen. Manchmal wurde es chorisch, meist sprach nur ein Schauspieler den arrangierten Text. Der war festgelegt, die Schauspieler reagierten aber mit Körpersprache auf die Besucher, die meist, aber nicht durchwegs, schweigend, konsumierend da saßen. Die Nähe aber, die intime Präsenz des Gegenüber erzielte eine fast kathartische Wirkung, wie man nach der Vorstellung bei einer zwanglosen Zusammenkunft abseits der Bühne erfuhr. Zwölf Personen besuchen zwölf Zuseher, das hatte Charme.
„WMF“ zählt neben dem hervorragenden belgischen Stück „Le Salon“ zu den Stärken der Nachwuchs-Schiene der Festspiele, und auch die italienische Produktion „Come un cane senza padrone“ war zumindest originell. Schauspiel-Chef Thomas Oberender hatte mit diesem Projekt im Republic mehr Fortüne als mit „Molière“ und „Boris“ auf den großen Bühnen. Nur mit „Quartett“ gelang ihm dort bisher ein echter Coup.
PREIS. Beste junge Regie
Der Montblanc Young Directors Award, mit 10.000 Euro und einem „Max-Reinhardt-Pen“ dotiert, wird an diesem Freitag im Republic verliehen. Vier Projekte – aus Belgien, Italien, Deutschland und den Niederlanden – waren heuer beteiligt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2007)