Der Friedhof der namenlosen Afrikaner

Immer mehr Jugendliche werden von ihren Familien auf eine gefährliche Reise übers Meer nach Europa geschickt. Für viele wird das Meer zum Grab. Wer es nach Europa schafft, blickt in eine ungewisse Zukunft.

(c) EPA (Manuel Lerida)

TENERIFFA. „Nicht identifizierbarer Leichnam“, hat der Friedhofswärter auf der Karteikarte notiert. Nische Nummer 29 im Gräberblock vier. Eine gelblich-graue Betonplatte verschließt das Fach, in dem die Urne des Verstorbenen geschoben wurde. Kein Name, keine Blumen, keine Kerze, kein Kreuz. Einfach zugemauert. Endstation einer Reise aus Afrika Richtung Europa.

„Davon haben wir viele“, sagt der Totengräber und zeigt nach links und rechts. An vielen Stellen wird die lange weißgekalkte Nischenreihe von namenlosem Mauerwerk unterbrochen. Fast jede Woche wird kommt eine neue Urne an.

Allein dieses Jahr sind schon die Überreste von rund 25 afrikanischen Migranten auf dem städtischen Friedhof in Teneriffas Inselhauptstadt Santa Cruz beigesetzt worden. In aller Stille. Ohne Familie, die nie erfahren wird, was aus ihrem verlorenen Sohn geworden ist.

Weinende und zitternde Gerettete

Der Friedhof liegt auf einem Hügel am südlichen Stadtrand. Unten blitzt der Atlantik, auf dessen rollenden Wogen junge europäische Touristen mit ihren Wellenbrettern reiten. Stundenlang lassen sie sich im Wasser treiben, warten auf ihre Superwelle, ihren großen Ritt. Während viele Seemeilen weiter draußen wackelige Holzboote, voll gestopft mit jungen arbeitswilligen Afrikanern, zwischen den Wellenbergen trudeln. Mit erschöpften Insassen, die von einer großen Zukunft auf dem gelobten Kontinent träumen.

Die meisten Toten kommen freilich nicht einmal auf dem Friedhof an. Für tausende Immigranten, wird jährlich das Meer zum Massengrab. Wie für jene rund 90 arme Seelen, die Mitte Juli ertranken, als die Rettung nah war. Der Fluchtkahn kenterte, als zwei spanische Rettungsschiffe schon in Sichtweite waren. Nur 48 überlebten die Tragödie. „Das war das Schlimmste, was ich bisher erlebt habe“, sagt Rot-Kreuz-Koordinator Austin Taylor, der die geschockten, weinenden und zitternden Geretteten nach ihrer Ankunft auf Teneriffa betreute.

Menschen aus dem schwarzen Afrika, die nichts zu verlieren haben, denen nur die Hoffnung bleibt, nach tagelanger Achterbahnfahrt durch den Atlantik die Kanarischen Inseln zu erreichen. Sie kommen aus Marokko, Mauretanien, Mali, Guinea, Gambia, Ghana. Oder aus Senegal wie Ibrahim, dessen Vater sagte: „Zieh nach Europa und schicke uns Geld nach Hause.“ Monatelang hatte seine Familie gebraucht, um den Fahrpreis zusammenzukratzen. Sechs ältere Geschwister, Vater, Mutter, mehrere Verwandte, alle die sich die Behausung in Nordsenegal teilten, sparten mit. Annähernd 1000 Euro kostete die mehr als 2000 Kilometer lange Odyssee Richtung Kanaren.

„Ich hatte viel Angst und weinte“, erinnert sich Ibrahim schaudernd. Sie mussten ihn fast mit Gewalt ins Boot stoßen. „Wenn Du in Spanien ankommst“, mahnte ihn sein Vater, „vergiss Deine Familie nicht.“ Es war die erste größere Reise, die der damals 16-Jährige alleine machte. Beinahe wäre es auch seine letzte gewesen. 70 oder 80 seien vielleicht mit ihm im Boot gewesen. Nicht alle kamen mit ihm an der Küste Teneriffas an. „Wir hatten nicht genug Trinkwasser. Einige starben unterwegs. Die wurden über Bord geworfen.“

„...vergiss die Familie nicht“

Ibrahims Geschichte, der jetzt in einem Flüchtlingsheim nahe der Inselhauptstadt Santa Cruz lebt, gleicht jener von vielen Jugendlichen, die von ihren afrikanische Eltern über den Atlantik geschickt werden. In der Hoffnung, dass der Sohn es einmal besser haben wird. Er soll in jenem wohlhabenden Kontinent, den man nur aus dem Fernsehen kennt, viel Geld verdienen und wenigstens die Hälfte davon nach Hause schicken. „Ich will nicht studieren“, bekräftigt tapfer der schlaksige Bursche, der in einem gelben Werbe-T-Shirt der kanarischen Sparkasse steckt. „Ich will einfach nur irgendwo arbeiten.“

Es hat sich auch in den Herkunftsländern herumgesprochen, dass die Abschiebung der Jugendlichen in ihre Heimatländer rechtlich schwieriger ist, als der Erwachsenen. Die Zahl der erwachsenen Illegalen nimmt ab, die der minderjährigen hingegen zu: Gut 20 der 180 Insassen jenes Flüchtlingskahns, der jüngst im Schlepptau des Seenot-Rettungsdienst im Hafen des Urlaubsortes Los Cristianos im Süden Teneriffas landete, waren Kinder. Zeitgleich strandet ein Migrantenboot an der spanischen Festlandküste bei Almería.

„Opfer von Misshandlung“

Derzeit leben allein auf den zu Spanien gehörenden Kanarischen Inseln in vier Heimen rund 700 Flüchtlingskinder. Vielleicht erklärt diese immer größer werdende Welle von Jugendlichen auch, warum die Sozialbehörden überfordert sind. Die halbwüchsigen Einwanderer seien in den Heimen auf den Kanaren „Opfer von Misshandlungen“, klagt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW). Die Erzieher seien nicht gerade zimperlich: Zitat aus dem Bericht: „Wenn wir ihnen sagen, dass wir Hunger haben, antworten sie, wir hätten im Senegal ja auch gehungert und wir sollten froh sein, dass wir überhaupt zu essen bekämen.“ Auch über Prügelorgien und sexuellen Missbrauch gibt es Berichte. Vorwürfe, welche Heimleitung und das kanarische Sozialministerium zunächst zurückwiesen. Trotzdem untersucht der Staatsanwalt die Vorwürfe.

„Wenn sie ankommen, essen viele mit den Händen“, sagt Heimleiter Juan José Dominguez. Ihnen werde Lesen und Schreiben beigebracht, natürlich auf Spanisch. Aber wenn einer der Bewohner „nicht die Regeln des Zusammenlebens respektiert“, würden auch schon mal Strafen verhängt.

Ibrahim hält sich zurück mit Kritik am Lagerleben. Er bekomme dreimal täglich etwas zu essen, könne täglich Duschen und lerne noch was. Nur vor einem hat er Angst: vor dem, was danach kommt. Spätestens mit 18 muss er das Heim verlassen und sein Leben selbst in die Hand nehmen. Ibrahim: „Dann will ich hier hart arbeiten – wenn man mich nur lässt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2007)

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