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„Schaut's net aus'm Fenster“

Sommer 1947: 5000 jüdische Flüchtlinge überqueren den Krimmler Tauernpass. Ziel: Palästina. Sommer 2007: Ein Marsch auf derselben Route erinnert an den Exodus.

Ich komme mit der eleganten Da- me, die im voll besetzten Saal im Hotel Post in Krimml neben mir sitzt, ins Gespräch. Ein paarmal haben wir uns schon verlegen-freundlich angelächelt. Ob sie auch, damals, als Kind, die Flucht über den Krimmler Tauern miterlebt habe, frage ich sie auf Englisch. Sie antwortet mit hartem, rauchigem Akzent: „Nichtbewusst. Meine Mutter war mit mir schwanger, als sie den Marsch mitmachte. Ich bin kurz danach in Italien geboren worden.“ Sie muss heute also 60 Jahre alt sein. Denn es war im Sommer 1947, als rund 5000 jüdische Flüchtlinge von Krimml aus den Krimmler Tauernpass überquerten, auf der Flucht nach Palästina, nach „Eretz Israel“.

Die Dame stellt sich als Lili Segal vor. Wie die anderen Zeitzeugen, die hier in Krimml von ihrer „Flucht nach Eretz Israel“ erzählen, ist auch Lili Segal aus Israel angereist, um ihren Eltern und den Fluchthelfern von damals posthum Hochachtung und Dank für die geglückte Rettungsaktion zu zollen. Kaum vorstellbar, dass die Eltern damals erst knapp über 20 Jahre alt gewesen seien, meint Lili Segal nachdenklich, jünger als ihre eigenen Kinder heute, und man stelle sich vor, diese Strapazen, diese Ängste und Unsicherheiten, in der Blüte ihrer Jahre! Die Schönheit des Ortes hier im Salzburger Teil des Nationalparks Hohe Tauern wird Lili in den nächsten beiden Tagen noch ausreichend bewundern können.

Mehr als 200.000 Juden flüchteten zwischen 1945 und 1948 Richtung Palästina. Österreich, vor allem Salzburg, spielte aus geografischen und politischen Gründen eine entscheidende Rolle als Drehscheibe und wichtigstes Transitland dieses jüdischen Exodus. Die Flüchtlinge waren gerade erst dem Holocaust entronnen und hatten versucht, wieder ein normales Leben aufzunehmen. Sie kehrten in ihre Heimatdörfer in Rumänien, Polen, Ungarn, die Tschechoslowakei zurück, doch da waren sie aufs Neue konfrontiert mit Antisemitismus, Hass, Verfolgung, Verachtung, ja Pogromen: „Die neuen Staaten wollten wenig mit der jüdischen Minderheit zu tun haben, sondern wünschen ethnisch klare Verhältnisse“, meint der Südtiroler Historiker und Landtagsabgeordnete der Grünen Fraktion, Hans Heiss: „Sie wiederholten damit auf fatale Weise die Lektion der Nazis!“ Juden wurden verdächtigt, als getarnte Funktionäre des Sowjetsystems zu fungieren, und zogen den Hass der Bevölkerung auf sich. In anderen Fällen wollten die Bauern die Grundstücke, die sie sich schon angeeignet hatten, nicht mehr zurückgeben, als die Totgeglaubten zurückkamen. Im Mai 1946 wurden im polnischen Kelce 42 Juden in einem öffentlichen Gewaltausbruch umgebracht. Die kommunistische Machtübernahme ab 1946 in Osteuropa verstärkte die Devise: Juden raus! Neben den antisemitischen Gründen steckte dahinter auch ein Kalkül, das zeigte, dass sich die Welt bereits im Kalten Krieg befand: „Je mehr Juden nach Palästina flüchteten, desto gravierender würden die Probleme dort durch den Konflikt mit der britischen Mandatsmacht und den arabischen Anrainern. Die Zeche dafür müssten die USA zahlen, das waren zumindest die Überlegungen der Sowjets“, analysiert der Südtoriler Historiker Hans Heiss.

Für die Betroffenen spielte die Motivlage eine untergeordnete Rolle. Für sie blieb die Emigration aus Europa die einzige Hoffnung auf einen Neuanfang, schreibt der Innsbrucker Historiker Thomas Albrich, der als einer der Ersten die „Flucht nach Eretz Israel“ aufgearbeitet hat. Möglich wurde die abenteuerliche Flucht über die Alpen nur durch die Hilfe der jüdischen Fluchthilfeorganisation Bricha. Die Bricha hatte ein engmaschiges Netz von Stützpunkten entlang der Fluchtrouten bis nach Süditalien eingerichtet. Als Briten und Franzosen – zwei der vier Besatzungsmächte in Österreich – alle bisherigen Fluchtwege aus Salzburg Richtung Italien sperrten, blieb der Bricha nur mehr die Flucht über die Berge.

„Dann entdeckten wir plötzlich, dass es da einen Pass gibt, der zur amerikanischen Zone gehört – da konnten weder die Engländer noch die Franzosen intervenieren!“, erinnert sich Asher Ben Natan. Der gebürtige Wiener war 1938 nach Palästina geflüchtet. Zwischen 1945 und 1947 war er der Kommandant der jüdischen Fluchthilfeorganisation Bricha in Österreich. „Als wir herausfanden, dass es ein Dorf namens Krimml gibt und einen Krimml-Pass, da beschlossen wir, zunächst eine kleine Gruppe von zehn Leuten zur Erkundung loszuschicken.“ Die Vorläufer seien wohlbehalten zurückgekommen und hätten berichtet, dass die Überquerung schwierig, aber machbar sei, wie Asher Ben Natan dem Filmemacher Andreas Gruber erzählt hat. Die Fluchtroute über den Krimmler Tauern – die gefährlichste und spektakulärste aller damaligen Fluchtrouten nach Eretz Israel – war geboren. Der Weg ist lang und steil und führt über hochalpines Gebiet: 1000 Höhenmeter in jede Richtung sind zu bewältigen.

Ausgangspunkt war zumeist das Lager Givat Avoda, die heutige Anton Wallner-Kaserne des Österreichischen Bundesheeres in Saalfelden, wo sich damals eines der vielen Lager für Displaced Persons befand (Die vielen Lager im Zentrum der Stadt Salzburg – sie scheinen aus dem kollektiven Gedächtnis der Salzburger verschwunden zu sein. Niemand kann sich heute offenbar an die Tausenden jüdischen Flüchtlinge erinnern oder hat sich damals gefragt, wer sie sind, woher sie kommen, und vor allem: Niemand scheint bemerkt zu haben, dass sie eines Tages alle wieder verschwunden waren).

Die Amerikaner schauten weg, und nicht nur sie: Als den Gendarmen in Krimml eine Häufung merkwürdiger Gestalten auffiel und sie sich darob beim Innenminister – es war Oskar Helmer, berühmt für seinen Ausspruch: „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen!“ – in Wien erkundigten, was zu tun sei, erhielten sie die Auskunft: „Schauts net aus'm Fenster!“, wie sich Marko Feingold mit ersticktem Lachen erinnert: „Man war dermaßen froh in Österreich, die Juden loszuwerden! Ich glaub, wenn wir 100 Schilling verlangt hätten für einen Juden, der über die Grenze geht, hätt ma's a kriagt!“

Marko Feingold, Jahrgang 1913, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Salzburg, weiß, wovon er spricht. Vier Konzentrationslager hat der gebürtige Wiener überlebt. Nach Kriegsende blieb er in Salzburg hängen, wurde zum Verwalter der DP-Camps und zum Fluchthelfer für die Bricha. Eines Tages sollte er für einen Transport Lastautos organisieren und ging mit diesem Ansinnen zur Salzburger Landesregierung, wo man ihn sofort wieder wegschicken wollte, weil er doch schon ein Auto für Lebensmitteltransporte hatte. Daraufhin Feingold: „Wissen Sie was? Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder ich kriege die Autos, oder die jüdischen Flüchtlinge bleiben da!“ Er bekam sofort, was er wollte. Österreich 1947.

Um zwei Uhr früh kamen die Flüchtlingsgruppen meist in Krimml an. Alles spielte sich in der Nacht ab. Die Menschen waren angewiesen, sich möglichst ruhig zu verhalten, keine Spuren zu hinterlassen. Die Gruppen bestanden aus 150 bis 200 Personen, begleitet von zwei Bricha-Führern, einer an der Spitze, der andere am Ende des Zugs. Die erste Rast war am Krimmler Tauernhaus auf gut 1600 Metern Seehöhe.

„Shalom“ sagt Lili Segal zum Abschluss ihrer Dankesrede im Krimmler Hotel Post, und „Shalom“ – Friede – ist das Wort, das über der ganzen Veranstaltung liegt. „Alpine Peace Crossing“ nennt es Initiator Ernst Löschner, ein Bankdirektor der ungewöhnlichen Art, ein gebürtiger Pinzgauer, der eines Tages bei einer Bergtour auf die Dreiherrenspitze zufällig draufgekommen ist, dass es da vor Jahrzehnten eine „Judenflucht“ gegeben haben soll. Davon hatte er weder in der Schule noch später je gehört. Und war erstaunt darüber, dass dieser Exodus nicht während der Hitlerzeit, sondern nach 1945 stattgefunden hat. Dann sah er die Fotos und Erinnerungsgegenstände in dem kleinen Museum am Krimmler Tauernhaus und erfuhr von der Menschlichkeit der Wirtin vom Tauernhaus, Liesl Geisler-Scharfetter. Sie hatte die Flüchtlinge beherbergt und verpflegt (von Krimml bis zum Tauernhaus waren sie schon gute fünf, sechs Stunden marschiert, schlecht ausgerüstet, wie sie waren). Mit der seltenen Auszeichnung „Gerechte der Völker“ ehrte der Staat Israel Liesl Geisler-Scharfetter später. Einen Preis der Menschlichkeit, nach ihr benannt, will die Salzburger Landesregierung stiften,

Ernst Löschner recherchiert und organisiert, lädt Zeitzeugen aus Israel ein, stellt ein hochkarätiges Ehrenkomittee zusammen und gewinnt seine Bank – die französische BNP Paribas – für die Unterstützung seiner Idee eines orts- und zeitenüberspannenden Friedensprojekts. Er stellt einen Gedächtnismarsch auf die Beine, der das Gedenken an die Flucht von damals mit einem Appell an die Entscheidungsträger von heute verbindet: „Weltweit sind rund 40 Millionen Menschen auf der Flucht. Die will auch niemand. Schauen wir nicht weg. Tun wir was!“

Mehr als 150 Mitwanderer aus allen Gesellschaftsbereichen sind gekommen, Ende Juni 2007, zum ersten Alpine Peace Crossing, das zu einer guten Tradition im Nationalpark werden soll. Eine Gruppe etwa der Stärke, die die Flüchtlingsgruppen damals hatten. 2007 ist die Ausrüstung besser, mit Bergschuhen gewandert wird am Tag, außerdem sind Pferde und Sanitäter und Bergführer dabei. „Zeitzeugen voran“ ist die Devise, und sie, die damals kleine Kinder gewesen sind, halten sich tapfer und haben wohl so ihre eigenen Gedanken, als sie am Pass auf 2.634 Metern innehalten und einander vor der Gedenktafel an die „Judenflucht“ fotografieren, die genau an der Grenze zwischen Österreich und Italien angebracht ist.

Die Geschwister Ahuva Shamir und Jakuv Shwartz lächeln fröhlich in die Kamera. Er fühle sich wunderbar, sagt Shwartz, der zwar ein künstliches Kniegelenk hat, den Weg aber unbedingt noch einmal gehen wollte, den er als Sechsjähriger bewältigt hatte. Damit habe sich nun der Kreis der Familiengeschichte geschlossen, meint er. Die ist abenteuerlich genug. „Meine Eltern, damals noch nicht verheiratet, sind aus Polen weggerannt“, gibt Ahuva wieder, was sie von ihrer Mutter gehört hat. Beim Einmarsch der Deutschen flohen sie nach Russland. Dort heirateten sie. Die Russen nahmen sie fest und steckten sie in ein Arbeitslager in Sibirien. Dort sei Ahuva, ihr älterer Bruder, 1941 geboren worden. Als Jakuv etwa ein halbes Jahr alt war, flohen die Eltern nach Buchara in Usbekistan, von dort weiter nach Lodz. Als der Krieg aus war, von Lodz nach Tschechien und weiter nach Österreich. Und dann über den Tauern nach Eretz Israel. Unterwegs, in Italien, kam Ahuva zur Welt. „Wir haben nachgerechnet, meine Mutter dürfte mit mir schwanger gewesen sein, als sie den Tauernpass überquerte“ lacht sie.

Wenn die Gruppen nicht weitergehen konnten, weil ein Wettersturz kam, dann traf schon die nächste Gruppe ein, und für 400 Leute wurde es ziemlich eng am Krimmler Tauernhaus. Die letzte große Hürde wartete auf die Flüchtlinge bei der Ankunft in Palästina. „Die Briten ließen uns nicht an Land gehen“, erzählt manch einer der Flüchtlinge von damals. Und das erinnert wieder an die weltweite Flüchtlingssituation heute. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2007)