Salzburger Festspiele. „Ein Sommernachts-Traum“, episch, brav und langweilig, mit nettem Puppenspiel. Das Beste daran: die hinreißend komische Handwerker-Truppe.
Mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ gibt der künftige Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann in Salzburg seine Visiten-Karte ab. Die Aufführung ist eine Koproduktion mit dem Zürcher Schauspielhaus, das Hartmann derzeit leitet. Vielleicht hätte er die Komödie selbst inszenieren sollen. Der 34-jährige Christian Weise, Puppen-, Schauspieler und Regisseur, ist eher ein Leichtgewicht. Im Programmheft spricht er von der Modellhaftigkeit des Stückes und davon, Schauspiel, Tanz, Akrobatik, Musik und Puppen zu verbinden. Das sind Phrasen.
Der neue Salzburger „Sommernachtstraum“ bezieht sich auf Max Reinhardt, der dieses Werk mehrmals und tatsächlich modellhaft inszeniert hat; für seine Zeit. Es ist fraglich, ob solch romantisch dem Schönen hingegebenes Wald-Weben heute noch so atemberaubend wirken würde wie einst.
Michael Maertens, ein köstlicher Zettel
Auch in Weises Interpretation tanzen und hüpfen rudelweise die Elfen herum, was aber bloß Langeweile erzeugt. Einige gute Ideen sind ihm aber doch gekommen:
Wunderbar ist die Handwerker-Truppe. Schon Shakespeare karikierte hier wohl den Theateralltag: Hölzerne Mimen, arrogante „Stars“, gestelzte Verse. Weise zeigt die typische Proben-Gruppendynamik, die auf
Außenstehende kabarettreif wirkt: Spielleiter Peter Squenz (Fabian Krüger) klammert sich an seinen Regiesessel. Das Sagen hat Zettel, der Weber, ein notorischer Quälgeist, nicht nur weil er alle Rollen selber spielen möchte: Michael Maertens provoziert viel Heiterkeit, wiewohl er sein zugegeben grandioses Standardformat, den Neurotiker, kaum variiert und ihm als Esel eine allzu lächerliche Kostümierung verpasst wurde. Seinen schönsten Moment hat Zettel-Maertens, wenn er seine Begegnung mit der Elfenkönigin entrückt Revue passieren lässt.
Corinna Kirchhoff und Robert Hunger-Bühler sind für das Elfen-Königspaar Titania und Oberon aufgeboten; sie spielen wie's der Brauch ist, auch Theseus, den Herzog von Athen, und Hippolyta, die Königin der Amazonen. Theseus hat Hippolyta besiegt. Jetzt will er sie heiraten. Dafür soll sie, typisch Mann, die Gewalt, die er ihr angetan hat, vergessen. Hunger-Bühler und Kirchhoff, zwei große Schauspieler, da hätte eigentlich nichts schief gehen dürfen. Die beiden deklamieren aber nur ihren Text, sie scheppernd, er manieriert und beide teilweise ziemlich pathetisch. Dass sich bei dieser Paarung irgendetwas abspielt, lässt sich beim besten Willen nicht behaupten.
Ähnliches trifft auf die Liebespaare zu. Mavie Hörbiger (Hermia), attraktiv, tadellos artikulierend, hat das Problem vieler Filmschauspieler, die Theater spielen. Sie kommt nicht recht über die Rampe. Farblos wirken auch die jungen Galane: Jörg Pohl (Lysander), Patrick Güldenberg (Demetrius).
Nur Miriam Wagner nutzt die wilden Ausbrüche der sich von allen gefoppt fühlenden Helena mit Charme und Temperament. Regisseur Weises Konzept ist trotz der anämische Amouren wahrnehmbar: Hier lieben sich junge Leute, die aber ununterbrochen streiten und infolge dieses Machtkampfs in ihrer Leidenschaft bereits ermüdet sind, bevor sie sich das erste Mal in die Arme schließen. Aber ohne Wärme funktioniert das alles halt nicht. Die hatten Reinhardts „Sommernachtsträume“ wohl im Überfluss, für heutige Begriffe vielleicht zu viel. Für alle Zeiten jedoch gilt: Sinnlicher Funkenflug zwischen Liebespaaren ist unverzichtbar.
Leibhaftig präsent ist Reinhardt im Puck und seiner Gespielin, einer Elfe. Die beiden sind Puppen und das einzige Paar, das am Ende ohne Schatten zusammenfindet, weil ihre Beziehung so flüchtig ist wie die ganze Geisterwelt. Ein feiner Einfall, die Puppenspieler bewegen ihre Geschöpfe souverän.
Insgesamt aber ist dieser „Sommernachtstraum“, der ab Herbst in Zürich gezeigt wird, kunstvoll missglückt. Er betont Schwachpunkte des Hartmann-Theaters, das ab 2009 die Burg und Wien prägen wird: den Hang zu Gefälligkeit, Glätte. Die Produktion ist teuer, aber nicht unbedingt originelle Boutiquen-Ware. Der wirtschaftliche Druck der Theater lässt sie Risiko meiden – und ebenso die Abgründe von Stücken.
Da teilen sich Elfenkönig und Elfenkönigin einen Knaben, da liebt Titania ein Tier, die Jungen wechseln wahllos ihre Partner, keiner (er)kennt den anderen. Drogen werden verteilt – und die Natur spielt verrückt. Das alles steht bei Shakespeare (übrigens plausibel und verständlich übertragen von Jürgen Gosch) notiert. Auf der Bühne wird freilich meistens nur artig deklamiert.
Nichts kaputt machen, alles heil lassen
Spüren soll man nichts von den Katastrophen unterm protzigen Kronleuchter und schon gar nicht soll man erschrecken. Das also ist das neue Theater, nachdem die Sixties alles zerschlugen, wird jetzt alles heil gelassen. Zwenig und zviel ist des Narren Ziel, sagt man in Wien, wo der „Sommernachtstraum“ mit großem Erfolg an Klaus Bachlers Burgtheater gespielt wird: Ähnlich gefällig, effektvoll und seelenlos wie in Salzburg. Erfolg ist heute eben alles, egal wie er erzielt wird. Das Publikum im Landestheater ließ sich aber nicht ganz betrügen. Die Schauspieler wurden bejubelt, für den Regisseur gab es ein paar kräftige Buhrufe.
INHALT UND HISTORIE
Geister, Macht und Liebe, im übertragenen Sinne die Streiche, die das Unbewusste den Menschen spielt, sind die Themen von Shakespeares „Sommernachtstraum“, der als wesensverwandt mit „Romeo und Julia“ gilt.
Max Reinhardt (1873–1943) inszenierte die Komödie mehrmals und verfilmte sie auch. Regisseur der Wiener Aufführung ist Theu Boermans (es spielen Peter Simonischek, Andrea Clausen, ab 1.10. wieder im Burgtheater). Die Salzburger Aufführung ist bis 30.8. im Landestheater zu sehen. [APA/Gindl]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2007)