Wie wahrscheinlich ist (war) es, dass eine Evolution uns hervorbringt?
„Gibt es noch Flöhe?“, fragt Hamm in Samuel Becketts „Endspiel“. „Auf mir ist einer“, antwortet Clov, sich kratzend. Worauf Hamm sehr beunruhigt ruft: „Von da aus könnte sich ja die Menschheit neu entwickeln! Fang ihn, um des Himmels willen!“
Könnte sie wirklich? Aus einem Insekt würde wohl auch in der längsten Evolution nie ein Wirbeltier, aber ist es prinzipiell möglich, dass wieder Menschen entstehen, nachdem sie einmal ausgestorben sind? Alan Weisman scheint das in „Die Welt ohne uns“ anzunehmen. „Die Flüsse werden wieder Nährstoffe ins Meer tragen, wo es immer noch vor Leben wimmelt, so wie es bereits lange Zeit war, bevor die ersten Wirbeltiere an Land krochen“, schreibt er in einer Nach-der-Menschendämmerung-Fantasie und fügt an: „Und schließlich würden auch wir es erneut versuchen. Für die Welt wäre es ein neuer Anfang.“
Hinter dieser Vision steht die Annahme, dass sich die Evolution wiederholt. Dagegen polemisierte etwa der Biologe Stephen Jay Gould. Was würde passieren, wenn man das Band der Geschichte des Lebens zurückspult und nochmals abspielt, fragte er und antwortete: „Jedes neue Abspielen des Bandes würde die Evolution auf einen Weg leiten, der radikal anders ist als die Straße, die sie tatsächlich genommen hat.“
Nie zweimal derselbe Fluss
Es ist doch plausibel, dass ein natürlicher Prozess – und das ist die Evolution wohl – bei genau denselben Rahmenbedingungen auch dasselbe Ergebnis liefert, könnte man einwenden und sich auf eine Grundsatzdebatte über die Rolle des Zufalls einlassen. Aber das ist gar nicht nötig: Weder werden auf der Erde ein zweites Mal genau dieselben Bedingungen herrschen, noch herrschen irgendwo im All genau dieselben Bedingungen.
Also fragen wir weniger strikt: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Wesen entsteht, das uns ähnlich ist? Da kommt es wohl auf die Ausgangssituation an: Wenn es noch Primaten gibt, ist es wahrscheinlicher, dass daraus etwas Menschenähnliches wird, als dann, wenn es nur mehr Nicht-Primaten-Säugetiere oder nur Nicht-Säugetier-Wirbeltiere gibt. Oder gar keine Wirbeltiere.
Aber halt. Uns interessiert doch eine ganz andere Frage. Wir wollen nicht wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass anderswo oder zu einer anderen Zeit Tiere entstehen, die an Kreuzweh leiden oder ihre Kinder mit körpereigenen Sekreten ernähren, sondern: Wie außergewöhnlich ist es, dass nach drei Milliarden Jahren Evolution Lebewesen entstanden sind, die sich über ihre Zukunft und das Wesen der Welt Gedanken machen? Auf der Erde ist das nur einmal passiert, in einer einzigen Tierordnung: den Primaten. Hier zumindest sind wir einzigartig. Es ist aber kaum anzunehmen, dass die Arten, in die sich die Art Homo sapiens weiterentwickeln respektive aufspalten wird, diese Qualität des Bewusstseins nicht mehr haben werden; dafür ist sie zu erfolgreich. Das macht die Wir-müssen-aussterben-Fantasien so unrealistisch.
Die Vorstellung einer Welt, die von keinem (menschlichen) Bewusstsein mehr wahrgenommen wird, bleibt unheimlich. H.C.Artmann hat den Schrecken poetisch gefasst: „noch ana sindflud / san olawäu / de fenztabreln fafäud – owa mia san ole dasoffm / und kenan s goa nima seng...“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2007)