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Ein ruhender Pol für die quirlige Ministerin

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Sozialexperte Winfried Pinggera zieht für Quereinsteigerin Andrea Kdolsky im Gesundheitsressort die Fäden. Langweilig wird ihm nie.

WIEN. Dass er in der zweiten Reihe steht, zieht sich wie einer roter Faden durch sein Berufsleben – auch wenn er dies meist im Dienste schwarzer Institutionen und Politiker tat. Winfried Pinggera ist dennoch kein Unbekannter. Wer sich mit Sozialrechtsangelegenheiten befasst, der kommt an dem 40-jährigen Niederösterreicher, der seit Jänner Kabinettschef bei Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky ist, nicht vorbei.

Die letzte, schwarz-blaue Pensionsreform hat er im Kabinett des damaligen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel nicht nur mitentwickelt. Er hat sie auch mit vollem Einsatz verteidigt. „Ich war landauf, landab in Wirtshäusern unterwegs, um den Leuten die Reform zu erklären“, erzählt Pinggera.

Er will deshalb auch nicht akzeptieren, dass man sein Arbeitsgebiet gemeinhin als trockene Materie ansieht. Sonst wären zu seinen Vorträgen nicht so viele Menschen gekommen, so Pinggera. Das Thema gehe schließlich jeden einmal was an.


Schüssels Sozialrechtsexperte

Dabei war es nur Zufall, dass Pinggera begann, sich als junger Jurist mit Sozialrecht auseinanderzusetzen. Nach dem Studium heuerte er bei der niederösterreichischen Wirtschaftskammer an und kam in die sozialpolitische Abteilung, wo er das Fach „von der Pike auf lernte“. Sein Können sprach sich herum. Als Wolfgang Schüssel 2000 einen Experten suchte, wurde ihm Pinggera wärmstens empfohlen. Und er blieb dem Kanzler treu. Dabei hätte er locker oberster Chef im Hauptverband der Sozialversicherungsträger werden können. Pinggera widerstand der Versuchung – auch deshalb, weil ihm die Gestaltungsspielräume bei diesem Job zu gering gewesen wären.


Über 500 Mitarbeiter

Darüber kann er sich derzeit nicht beklagen. Als Kabinettschef bei Andrea Kdolsky geht ihm vom Familienrecht über die Gesundheitsfinanzierung bis zum Tierschutz alles etwas an. 540 Mitarbeiter im Ministerium und 17 im Kabinett (Referenten und Sekretärinnen) sind zu koordinieren. „Da wird man schnell zum Generalisten“, sagt Pinggera, der aber froh ist, von seinen früheren Tätigkeiten her in jedem Ministerium jemanden zu kennen.

Das, aber nicht nur das schätzt die Ministerin an ihm. „Vom ersten Tag an haben wir einander ergänzt“, sagt Andrea Kdolsky. „Ich bin eher quirlig, überschäumend und auch überschießend. Er ist für mich der Ruhepol mit seiner unaufgeregten Art.“ Jemand, mit dem man gut diskutieren könne, der eine unglaublich hohe Kompetenz einbringe, in jedem Thema firm und extrem gut vernetzt sei. „Für mich als Quereinsteigerin war das absolut notwendig. Aus der Privatwirtschaft kommend habe ich unglaubliche Angst vor dem Ministeriumsdenken gehabt“, gesteht Kdolsky.


Unterschiedliche Wesen

Pinggera gibt das Kompliment zurück. „Es ist ein großer Vorteil, mit einer Fachfrau zusammenzuarbeiten.“ Die Ärztin und frühere Spitalsmanagerin habe seine (angeblichen) Defizite im Gesundheitsbereich ausgeglichen. Und wie funktioniert die Zusammenarbeit auf menschlicher Ebene? „Es wäre ja langweilig, wenn alle vom gleichen Typ sind“, meint Winfried Pinggera.

Die Sympathie beruht bei den so gegensätzlichen Menschen offenbar auf Gegenseitigkeit. Pinggera verstehe es, sie aus den Tiefs zu holen, „wenn ich ab und an noch zu wenig harte Haut entwickelt habe“, sagt Kdolsky. Das einzige, was sie an ihrem Kabinettschef verwundert: Wie man es aushält, immer in der zweiten Reihe das Unangenehme vom Minister fernzuhalten.


Hobby Segelfliegen

Für Pinggera kein Problem, im Gegenteil. Bei manchen Diskussionen schätze man es eben, doch nur in der zweiten Reihe zu stehen. Das Arbeitspensum reduziert das allerdings auch nicht. Für sein liebstes Hobby, das Segelfliegen, hat er in seinem früheren Leben noch mehr Zeit gehabt. Jetzt muss er fürchten, dass er noch genug Flugstunden zusammenbringt, um seinen Schein zu behalten. Aber, so Optimist Pinggera: „Ich sage immer, im nächsten Jahr wird alles besser.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2007)