Farbenlehre: Mädchen in Rosa, Buben in Blau – aber wieso?

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Biologen konstatieren in der Bewertung von Farben einen Unterschied zwischen den Geschlechtern.

Die Buben blau, die Mädchen rosa: Die Farbenzuordnung verfolgt uns von Geburt an, und wenn im späteren Leben ein weibliches Wesen besonders weiblich wirken soll, entscheidet sich die Regie nicht selten für eine rosa Montur, siehe „Pretty Woman“.

Bevorzugen Frauen wirklich Rosa? Und wenn ja, ist das kulturell erlernt oder quasi angeboren? Die Psychologen Anya Hurlbert und Yazhu Ling haben das in einer Studie an 208 Personen zwischen 20 und 26 Jahren untersucht (Current Biology, 21.8., R623): Diese sollten sich so schnell wie möglich jeweils zwischen zwei farbigen Rechtecken entscheiden. Ergebnis: Die universelle Lieblingsfarbe der Menschen beiderlei Geschlechts scheint Blau zu sein, allerdings tendieren die Frauen in Richtung „rötlich“, schätzen eher Farbtöne, die man als lila oder rosa beschreibt. Dass diese Vorliebe teilweise kulturell bedingt sein könnte, zeigt der Vergleich mit einer Untergruppe chinesischer Testpersonen: Rot gilt in China als Farbe des Glücks, tatsächlich bewerteten die Chinesen Rottöne im Durchschnitt positiver.

Doch der Geschlechterunterschied ist bei Chinesen und Europäern gleich. Hurlbert und Ling mutmaßen, dass er genetisch determiniert und aus der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen in Jäger-Sammler-Kulturen entstanden sei: Sammelnde Frauen täten gut daran, rote Früchte und Blätter vorzuziehen. Hurlbert mutmaßt sogar, dass eine Vorliebe für rötliche (=gesunde) Gesichter für Frauen von Vorteil war/ist.

Dazu ist zu sagen, dass Männer und Frauen in der Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Rot und Grün tatsächlich verschieden sind. Denn die Gene für die beiden Sehfarbstoffe (Opsine), die das ermöglichen, liegen auf dem X-Chromosom, von dem Frauen zwei haben und Männer nur eines. Darum ist Rot-Grün-Farbenblindheit bei Männern (neun Prozent) häufiger als bei Frauen (0,8%). Die Opsin-Gene für Rot und Grün haben sich erst spät in der Evolution der Primaten aus einem Gen entwickelt, darum – und weil sie gleich nebeneinander liegen – sind sie störanfällig, sie bilden gern Mischformen.

Farbenblinde jagen besser

Bei Kapuzineräffchen z.B. ist der Geschlechterunterschied im Sehen noch radikaler: Alle Männchen können nicht Rot und Grün unterscheiden. Laut Untersuchungen schadet ihnen das bei der Jagd nicht, sondern nützt sogar: Sie können sich besser auf Formen, Konturen konzentrieren.

So scheint plausibel, dass der Geschlechtsunterschied in der Wahrnehmung und Bewertung von Rot einfach auf einem genetischen Zufall (der Lage der Gene auf dem X-Chromosom) beruht und nicht durch Selektion entstanden ist. Oder hat er mit der Partnerwahl zu tun? Sind rötliche Farbtöne für Frauen mehr sexy als für Männer? Dann müssten allerdings die Männer lieber Rosa tragen, und nicht die Frauen.

Plausibel dagegen erscheint die evolutionäre Erklärung der allgemeinen Vorliebe für Blau: Schon in den Tagen in der Savanne hätte blauer Himmel gutes Wetter signalisiert, sagt Hurlbert, und klares Blau zeichne auch eine gute Wasserquelle aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2007)

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