Ein verlorenes Jahr

Im ORF ist von zukunftsweisenden Strategien – die er heute dringender bräuchte denn je – im Moment nichts zu hören und auch nichts zu sehen.

Was bleibt nach einem Jahr Alexander Wrabetz als Generaldirektor des ORF? Dieses Thema hat die veröffentlichte Meinung in den vergangenen Tagen geprägt und war auch Gegenstand von Beiträgen und Kommentaren in dieser Zeitung. Wer eine Zusammenschau der Beiträge und Analysen zum einjährigen Dienstjubiläum des ORF-Generaldirektors vornimmt, den wird überraschen, dass es dabei vorwiegend um einzelne TV-Formate geht. Um das eine oder andere neue Magazin, um „Extrazimmer“, die Absetzung von „Mitten im Achten“ und die eine oder andere Änderung an einem bestehenden Format. Mit anderen Worten, es geht um – Stückwerk.

Und genau das hat das erste Jahr von Alexander Wrabetz auch geprägt. Von zukunftsweisenden Strategien – die der ORF heute dringender bräuchte denn je – ist nichts zu hören und auch nichts zu sehen. Dabei besteht strategischer Handlungsbedarf an allen Ecken und Enden. Die weitgehend missglückte Programmreform, die wenig sympathische Selbstinszenierung im Vorfeld und der unnötig massive Quoteneinbruch sind auch Ergebnis strategischer Defizite. Beispiel gefällig?

Themenschwerpunkt US-Serien

ORF 1 ist nach dem Ende der ZiB-Durchschaltung zur Abspielstation von TV-Serien amerikanischer Provenienz geworden. Insbesondere der Montag und der Donnerstag formieren einen neuen ORF-Themenschwerpunkt „Amerikanische Kaufserien“. Nach dem Aus für die Sitcom-Soap „Mitten im Achten“ – schon vor ihrem Start hatten Mitglieder der ORF-Gremien davor im Hinblick auf das öffentlich-rechtliche Profil von ORF 1 gewarnt – findet das Publikum nun die bereits mehrfach wiederholte Kaufserie „Malcolm mittendrin“ als Alternativangebot zur ZiB. Und schon wird überlegt, dieser eine weitere Kaufserie folgen zu lassen. Die Frage ist mehr als berechtigt: Wo bleibt eine klare und konzise Strategie für ORF 1, das sowohl österreichischer als auch öffentlich-rechtlicher werden muss? Wo bleibt das offene und ehrliche Angebot an die heimischen Autoren und Filmproduzenten, gemeinsam Stoffe für ORF 1 zu entwickeln?

Hatte Wrabetz in seiner Bewerbung noch richtig befunden, dass die nächsten Jahre entscheidend für die Zukunft des ORF sein werden, so hat er es – zumindest bisher – verabsäumt, nach dieser Erkenntnis auch entschlossen zu handeln. Wie will Wrabetz den ORF in einem digitalen und zunehmend konvergenten Medien- und Technologieumfeld positionieren? Welche klare Zielrichtung schlägt er bei den Spartenkanälen ein? (Zum Vergleich: Das öffentlich-rechtliche ZDF veranstaltet neben seinem Hauptprogramm einen Informations-, einen Dokumentations- und einen Theaterkanal und ist an arte, Phoenix und dem Kinderkanal KIKA beteiligt.) Wie sollen die Chancen, via Internet junge Zielgruppen zu gewinnen, realisiert werden? Wo bleibt die überzeugende Digitalisierungsstrategie des Wrabetz-ORF? (Mehr als die Hälfte der unter 25-Jährigen geben längst nicht mehr das Fernsehen sondern das Internet als Leitmedium an). Wann und in welchen Schritten kommt HDTV?

Chancen durch Digitalisierung

Dazu war im ersten Jahr kaum etwas zu vernehmen. Im Gegenteil: Wenn heute im ORF von der Digitalisierung die Rede ist, dann handelt es sich meist um eine Sündenbock-Debatte. Digitalisierung, das sei das, was den ORF ein oder zwei Prozentpunkte Marktanteil koste. Den Chancen der Digitalisierung nähert sich der ORF im Rückwärtsgang. Der ORF läuft Gefahr, einen Teil der Medienzukunft zu verschlafen, in der für ihn aber viele neue Chancen stecken.

Fundierte Vorschläge zu diesen Grundsatzthemen werden von der Geschäftsführung im Stiftungsrat als Arbeitsschwerpunkt des zweiten Halbjahres einzufordern sein. Derzeit hat aber der für diesen Themenbereich zuständige Online-Direktor nicht einmal ein Durchgriffsrecht auf das tägliche Online-Angebot des ORF, das in eine Tochtergesellschaft ausgegliedert ist. Ein leicht zu lösendes Strukturproblem – entsprechende Entscheidungsfreude vorausgesetzt.

Wenn in dieser Zeitung vergangene Woche kritisiert wurde, dass die ORF-Stiftungsräte „kuschen“ und ihrer Aufsichtspflicht nicht kritisch genug nachkommen, dann sei an dieser Stelle angemerkt, dass kritische Aufsicht und Kontrolle derzeit in den Händen einer Minderheit im ORF-Stiftungsrat liegt. Auch wenn man der Mehrheit zugesteht, dass sie sich gerne in der Richtigkeit ihrer Wahlentscheidung bestätigt sehen möchte, so ist es in der Tat befremdend, wenn sich der eine oder andere Stiftungsrat öffentlich mehr als Sprecher der Geschäftsführung in Szene setzt. Als ob ein Casting für weitere ORF-Funktionen zu gewinnen wäre.

Zu befürchten ist: So tief können die Quoten gar nicht fallen und so mittelmäßig könnte der Gesamtauftritt des ORF gar nicht sein, als dass SPÖ-nahe Stiftungsräte „ihren“ Generaldirektor nicht weiterhin gegen jede Art von Kritik in Schutz nehmen werden. „Kleinigkeiten“, wie der Verlust von bis zu fünf Prozentpunkten Marktanteil und einer knappen Million Tagesreichweite, der Druck auf die Werbepreise und das wachsende Imageproblem des ORF werden da gerne verziehen. Die eingeschlagene Richtung des ORF stimme, sagte unlängst der Generaldirektor zur Verwunderung zahlreicher Experten, und er kann sich darauf verlassen, dass einige im Stiftungsrat reflexartig nicken werden.

Von einem Unternehmen, dessen Kerngeschäft die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ist, darf man sich aber eine Geschäftsführung mit ausreichendem Wirklichkeitsbezug erwarten. Beim Erkennen der programmlichen, strukturellen und strategischen Defizite wie übrigens auch beim Erkennen des wirklich kritischen Potenzials der Prüfung des ORF durch die EU-Kommission besteht Handlungsbedarf. In Europa kann man sich's eben nicht mehr „richten“.

Neue strategische Story gefragt

„Vom Monopol zum Marktführer“: Diese strategische Mission hat vor Jahren Gerd Bacher dem ORF verordnet. Der ORF braucht heute eine neue, eine zukunftssichere strategische Story. Derzeit erzählt er uns nur Storys wie „Vom Publikumserfolg zum Quotentief“ oder „Vom Stiftungsrat zum Kommunikationschef“. Die strategische Bedeutung des ORF als österreichischer und europäischer Programm-Anbieter auf unterschiedlichen technologischen Plattformen muss endlich entwickelt werden. Statt sich wochenlang damit zu beschäftigen, wer ORF-Korrespondent in Rom wird. Oder wie man die Gunst der Printmedien wiedererringen kann. Und was die angeblich „wiedererrungene Glaubwürdigkeit“ der Information betrifft, so hat das Publikum diese nie in Frage gestellt. Sondern nur jene, die sich in Sachen ORF ins Spiel bringen wollten. Jetzt spielen sie – und das nicht gut. Niemand darf sich wundern, wenn Kenner meinen, das erste Jahr von Alexander Wrabetz war ein verlorenes Jahr für den ORF.

Dr. Franz Medwenitsch ist Geschäftsführer des Verbandes der österreichischen Musikwirtschaft und Sprecher des ÖVP-Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat.


meinung@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2007)

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