Ein Leben lang nicht in Lissabon

Auch die Treue zu Ferienorten ist gewiss mit genetischen Faktoren zu korrelieren.

Mit der Zeit entwickelt so eine Kolumne ein gewisses Vertrauensverhältnis mit ihren Lesern, man ist quasi mit einem Fuß auf Grußfuß, und so kann ich es Ihnen nicht verargen, wenn Sie mich in einem Moment gelöster Stimmung fragen, was derzeit alle einander fragen: Und, waren Sie schon auf Urlaub? Wo waren S' denn?

Seien Sie mir nicht bös', aber ich mag gar nicht darüber reden. Einfach weil ich fürchte, dass es Ihnen zu langweilig vorkommen wird, wenn ich Ihnen erzähle, wo ich hinfahren werde respektive hingefahren bin. Besonders, wenn ich hinzufüge, dass ich nicht zum ersten Mal dort war.

Ich mag es nämlich nicht so besonders, das erste Mal an einem Ort zu sein. Lieber ist es mir, zum zweiten Mal, noch lieber, zum dritten Mal an einem Ort zu sein. Ab dem 100.Mal wird's mir dann wahrscheinlich ein bisserl fad, aber so gesund lebe ich ja auch wieder nicht...

Diese Einstellung hat zwei unausweichliche Folgen: Erstens steigt mit der Anzahl der Orte, die man schon einmal besucht hat, automatisch die Anzahl der Orte, die man wieder besuchen will. So würde ich theoretisch gern einmal nach Lissabon (schon wegen der Straßenbahnen), aber dort war ich noch nie, und es ist mir wichtiger, die Städte wiederzusehen, die ich mag, Linz, Ljubljana, London, drei, vier andere. Und natürlich Berlin.

Zweitens ist diese Haltung nicht ein ganzes Leben konsistent durchzustehen, da die Anfangsbedingungen, die sie benötigt, ihr widersprechen. Es gibt keine Wiederholungen ohne Erstereignisse. Man muss zunächst einige Städte das erste Mal sehen, sich einen Grundstock der Stadt-Gedächtnisse anlegen. Dazu gab (gibt) es a)das Teenage, in dem selbst der größte Wiederholungstäter in spe ein Ersttäter sein kann/muss, und b)Interrail, diese wunderbare Art des Reisens, die dem Ideal „Der Weg ist das Ziel“ sehr nahekommt. Im Sinn der abgerundeten Lebensführung plädiere ich übrigens für eine zweite Version des Interrail-Tickets, die Menschen über 65 angeboten wird.


Dazwischen übt meinereins, so gut es geht, Treue. Und verteidigt das, wenn's nötig sein sollte, auch mit Hilfe der Genetik. Da gibt es doch sicher einen single nucleotide polymorphism auf einem Gen für einen Dopamin-Rezeptor (vielleicht Drd4?), der in Kombination mit dem in zirka einem Drittel der kaukasischen Bevölkerung verbreiteten Allel eines in der Amygdala aktiven Serotonin-Transporters-Gens und zwei, drei weniger ins Gewicht fallenden DNA-Originalitäten (verrutschte Promotoren oder so) erklären kann, warum ich es nicht bis nach Lissabon geschweige denn nach Los Angeles schaffe, Ihnen weder über die Electrico 28 noch über die Route 66 erzählen kann.

Das ist das Schöne an der Genetik: Sie entledigt einen der Zumutung, alle seine Eigentümlichkeiten durch Tücken der Erziehung, (un-)glückliche Zufälle der Sozialisation und kulturelle Geworfenheiten zu rechtfertigen, sie erlaubt einem, stolz zu sagen: So bin ich, ich kann nicht anders, und ich will nicht anders. So gesehen, wird die Wissenschaft von der materiell fassbaren Basis des Charakters mehr für die Erhaltung der Idee des selbstbewussten Subjekts tun als alle philosophischen Kongresse zum Thema.

Aber weil wir gerade beim Plaudern sind: Waren Sie schon auf Urlaub?


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2007)

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