Burgtheater: „Ein Thema, das Angst macht“

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Regisseur Lars-Ole Walburg über Zaimoglus „Schwarze Jungfrauen“, Glaube und Radikalität.

Im Unglauben finden sie nur das nackte Nichts und im Glauben das Nichts der vielen Pfaffenworte. Der Gott der Christgläubigen ist ein Götze!“ Schonungslose Wahrheiten über – oder Hetze gegen Moslems? Das wird ab 22.September für Diskussionen sorgen, wenn im Burgtheater-Kasino „Schwarze Jungfrauen“ von Feridun Zaimoglu und Günther Senkel gezeigt wird. Zaimoglu (42), geboren in Anatolien, in Deutschland lebend, gilt als provokanter Mittler zwischen Europa und dem Islam (siehe Artikel auf dieser Seite unten).

In „Schwarze Jungfrauen“ verdichtete Zaimoglu Gespräche mit jungen Musliminnen zu zehn Monologen, die bei einer Aufführungsserie in Berlin-Kreuzberg, an der Avantgarde-Bühne Hebbel am Ufer (HAU), für heftige Reaktionen sorgten. In Wien inszeniert Lars-Ole Walburg (41).

Warum hassen die Frauen im Stück den Westen? „Diese Frage ist ungefähr so wie: Warum gibt es den Heiligen Krieg? Zu beantworten ist das nicht einfach“, meint Walburg: „Diese Frauen, die keine Kriegsopfer sind und bei denen man das Gefühl hat, dass sie in Deutschland aufgewachsen sind, verachten die Werte des Westens, vor allem das Konsumdenken. Sie fühlen sich als Rechtgläubige, die Christen sehen sie als Ungläubige. Wir sind ja auch nicht mehr so wirklich unseren christlichen Werten verbunden, leben sie nicht mehr richtig. Das finden diese Frauen sehr anrüchig. Trotzdem ist ihre Einstellung unterschiedlich. Manche Frauen wirken introvertiert, zurückgezogen, andere sind missionarisch, radikal und brutal. Das ist absichtlich so ausgesucht. Überraschend ist, wie offen teilweise über Sexualität geredet wird. In Kreuzberg, das ja nach Istanbul die zweitgrößte türkische Stadt ist, haben sich bei der Aufführung vor allem türkische Väter stark über die Offenherzigkeit der Texte aufgeregt – und über das Vulgäre der Sprache.“

„Nieder mit dem US-Imperium“

Wie werden die Besucher in Wien reagieren, wenn Aufrufe wie „Nieder mit dem amerikanisch-jüdischen Imperium“ auf einer Bühne ertönen, wobei allerdings im Kasino anders als in Berlin keine türkischen, sondern Burgschauspieler auftreten: „Ich betrachte das Stück als einen Kunsttext. Der Schriftsteller sucht sich natürlich das Provokante aus. Auf den authentischen Anspruch wie in Berlin habe ich absichtlich verzichtet“, sagt Walburg: „Die Schauspieler sollen gar nicht so tun, als wären sie diese Frauen. Das fände ich verlogen. Ich möchte, dass folgender Effekt entsteht: Man schaut in ein Hinterzimmer hinein, das man nicht kennt und hört die verstörende Stimme der Nachbarn. Das passt auch zum Stück, in dem der Satz vorkommt: ,Ihr Christen mit eurem Halbwissen über den Islam.‘ Ich denke aber, dass die Demarkationslinie nicht zwischen Islam und Christenheit verläuft, sondern zwischen Fundamentalismus und aufgeklärten Menschen – und die gibt es auf beiden Seiten“, meint Walburg.

Die Frauen im Stück scheinen nicht der aufgeklärten Seite anzugehören. „In ihrem muslimischen Umfeld sind sie nicht wirklich frei in unserem Sinne. Tatsächlich müssen sie stark männlichen Vorgaben folgen. Und da habe ich im Augenblick das Gefühl, dass eher die alten Männer mit den langen Bärten auf dem Vormarsch sind und nicht so sehr die jungen Frauen, die das vielleicht positiv empfinden. Nur: Wie will man mit Regeln aus dem siebten Jahrhundert und deren starrer Ausdeutung in der westlichen Gesellschaft heute klarkommen? Aber dieses System gibt eben Geborgenheit. Diese Menschen fühlen sich nicht mehr heimisch, sie fühlen sich aufgehoben in ihrem Glauben, im Koran.“ Wie wird es weitergehen?

Wird Europa islamisiert? „Das sagen die Frauen im Stück, dass es eine islamische Renaissance gibt. Sie sagen, wir sind hoch motiviert, gut ausgebildet, wir sprechen ausgezeichnet Deutsch.“ Was denkt Walburg, wie es weitergehen wird? „Wenn man ernsthaft über das Thema nachdenkt, und ich merke das auch bei den Schauspielern, dann muss man schnell über Ängste sprechen. Man kann auch nicht einfach sagen, da reden diese Frauen, hört es euch an, geht nach Hause und überlegt, was ihr damit macht. Man muss sich irgendwie dazu verhalten. Das ist gut. Es zeigt, dass Zaimoglu zum richtigen Zeitpunkt eine Tür aufgemacht hat. Die Leute interessiert, was dahinter vorgeht, und was kann dem Theater Besseres passieren?“

Das Burgtheater beschäftigt sich in diesem Herbst noch ein weiteres Mal mit den Bruchlinien zwischen Orient und Okzident: Stefan Bachmann, der mit Walburg in Basel und vor diesem dort Intendant war, inszeniert im Akademietheater „Verbrennungen“ von dem aus dem Libanon stammenden, in Kanada lebenden Autor Wajdi Mouawad: Eine tragische Familiengeschichte, bei der im Westen lebende Kinder sich nach dem Tod ihrer Mutter mit ihren Wurzeln im Nahen Osten auseinandersetzen müssen. In den daraus entstehenden Konflikten lösen sich bald die Grenzen auf zwischen Zivilisation und Barbarei (28.9.).

Werden die neuen Stücke am Theater bald die Klassiker verdrängen? „Ich möchte die gewichtigen Stoffe nicht missen“, sagt Walburg: „Gut ist: Die Wertschätzung neuer Autoren ist größer geworden. Sie landen nicht mehr in der Schmuddelecke, sondern ihre Stücke kommen schnell groß heraus.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2007)

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