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Wer fürchtet sich vorm Muezzin?

Ohne ein neues christliches Selbstbewusstsein wird die Integration von Muslimen in Europa nicht funktionieren.

Mit der Frage, ob wir in Österreich und Deutschland mehr Moscheen bauen dürfen, sollen oder müssen, ist die Diskussion über die drohende „Islamisierung Europas“ an einem neuralgischen Punkt angekommen: Wir reden über die Herrschaft der Symbole im öffentlichen Raum. Man kann mit gutem Recht behaupten, dass die Debatte damit erst wirklich in Europa angekommen ist: Die Geschichte der europäischen Stadt und damit der europäischen Gesellschaft insgesamt ist nicht zu trennen von der Geschichte der Symbolhierarchie im öffentlichen Raum. Es ist nicht nur so dahingesagt, dass der Petersdom in Rom über Jahrhunderte das Maß aller Dinge im Abendland war. So wie die intellektuelle Architektur des Abendlandes Maß am Lehrgebäude des römischen Christentums nahm, durfte kein Sakralbau im katholischen Imperium, das mit Beginn der Neuzeit globale Ausmaße angenommen hatte, das Maß der römischen Zentralkirche überschreiten.

Es ist kein Wunder, dass auch in der aktuellen Diskussion über anstehende Moschee-Bauten immer wieder auf diese alte europäische Tradition zurückgegriffen wird: Man könne und solle nicht verhindern, dass mit der wachsenden Zahl von gläubigen Muslimen in unseren Gesellschaften auch eine wachsende Zahl von Gotteshäusern verbunden sei, heißt es, aber man erwarte und wünsche von den Verantwortlichen eine gewisse architektonische Zurückhaltung.

Tatsächlich muss man davon ausgehen, dass Einwanderer aus moslemischen Gesellschaften genau mit jener religiös imprägnierten Symbolhierarchie bestens vertraut sind, die wir Europäer in der Mehrheit innerhalb weniger Generationen gegen ein säkulares Verständnis der An- und Rangordnung der Symbole im öffentlichen Raum eingetauscht haben. In einer europäischen Großstadt wurde in den letzten Jahrzehnten nicht darüber diskutiert, ob und an welchen Stellen sich die religiöse Macht in welchem Verhältnis zur weltlichen Macht architektonisch positionieren darf. „Glaubensbekenntnisse“ nannten wir in der öffentlichen Auseinandersetzung über Bauwerke die offensive Bekundung ästhetischer Vorlieben. Wo es zuerst ums Ganze ging, ging es dann um den Geschmack.

Die Befürchtung, dass die geplante Errichtung von Groß-Moscheen wie jener von Köln in der Tat als Demonstration eines gesamtgesellschaftlichen Anspruchs gedacht ist, kann man nicht von der Hand weisen.

Allerdings verläuft die Debatte darüber auf einer schiefen Ebene: Auf der einen Seite stehen gläubige Muslime, denen niemand ernsthaft ein Gebetshaus vorenthalten kann und will, die aber zugleich aus einer Tradition leben, in der Politik und Religion voneinander kaum oder gar nicht zu trennen sind. Nicht nur fundamentalistische Kämpfer halten es für selbstverständlich, dass die Größe eines Gotteshauses zugleich die Größe Allahs und des Islam zum Ausdruck bringen soll. Auf der anderen Seite stehen Menschen, deren Angst vor der „Islamisierung Europas“ man vor allem als Angst vor der Rückkehr des Religiösen lesen muss. Menschen, die sich als Erben der Aufklärung verstehen, der wir angeblich die Befreiung von der Gewaltherrschaft der Religion verdanken. Dass sie im Moscheen-Streit die alte Argumentation der katholischen Kirche übernehmen, wonach sich die anderen Denominationen und Religionen in einer gewissen Form der architektonischen Unterordnung üben sollen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Jetzt, da sie sich vor den Muslimen und ihren Moscheen fürchten, würden sie sich gerne hinter großen Kirchen verstecken.


Ein vernünftiges Nebeneinander (in der freien Ausübung der Religion inklusive öffentlicher Symbole) und Miteinander (in der uneingeschränkten Akzeptanz und Durchsetzung des gültigen Rechts- und Wertesystems, auch im Hinblick auf die Rechte der Frauen) würde voraussetzen, dass die europäischen Christen aus der Defensive gehen, in die sie sich während der vergangenen Jahrzehnte vom Zeitgeist haben drängen lassen. Dass die selbstbewusste Religionsausübung einer fünfprozentigen islamischen Minderheit Ängste vor einer „Islamisierung Europas“ verursacht, hat vor allem einen Grund: Dass die restlichen 95 Prozent der Bevölkerung nicht auf die Idee kommen, sich zumindest in einem kulturellen Sinn als die christliche Mehrheit zu verstehen und als solche zu agieren. Ein solches europäisches Selbstbewusstsein würde den islamischen Zuwanderern mehr imponieren als jede Polemik, die für eine Moschee in Stinatz eine Basilika in Riad fordert.

Wir brauchen mehr Moscheen Seiten 1 bis 4


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2007)