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Der Muezzin von Floridsdorf

Islam im Vormarsch: Muslimische Kulturvereine werden aktiver, Anrainer beschweren sich, Trouble-Shooter deeskalieren.

WIEN. „Allahu Akbar“ – Der Ruf „Gott ist groß“ des Muezzins ruft die Gläubigen zum Gebet – nach Floridsdorf in die erste Moschee Österreichs. Sie ist seit 1979 weithin sichtbares Zeichen für die Präsenz dieses Glaubens in Österreich. „Allahu Akbar“ erinnert aber nicht nur an religiöse Pflichten – für nicht wenige durchschneidet dieser Ruf die Ruhe in der Erholungszone der Großstadt. Diese Situation in Wien steht stellvertretend für die sich häufenden interreligiösen Konflikte in ganz Österreich.


Weniger Islam am Bruckhaufen

Der konkrete Fall wird am längsten betreut, weshalb sich die Wogen mittlerweile einigermaßen geglättet haben: Mediatoren der für Integration zuständigen Magistratsabteilung17 haben gemeinsame Gespräche zwischen Vertretern der Moschee und der Anrainer organisiert. Der Kompromiss funktioniert: Der Muezzin ruft nicht mehr zu jedem Gebet, die Lautsprecher im Minarett wurden leiser gedreht – weniger Islam für die Bruckhaufen-Siedlung.

Ähnlich pragmatisch sollen Spannungen auch in den übrigen Bezirken Wiens abgebaut werden, auch wenn es dort keine Moscheen gibt. Wohl aber gibt es hunderte Kulturvereine, an die nicht selten auch Gebetsräume angeschlossen sind. Hier treffen einander gläubige Muslime freitags. Die Vereine informieren – mit Unterstützung des Magistrats – Anrainer, was es mit der Ansammlung vor den Gebetsräumen auf sich hat; und weshalb es kaum Parkplätze gibt.

Nicht so moderiert ist der Konflikt um eine Moschee in Ottakring über die Bühne gegangen – Pläne, die tatsächlich niemand in dieser konkreten Form bestätigten wollte. Dennoch hat die Debatte um das Projekt, das es nicht gibt, hohe Wellen geschlagen.

Ähnlich in Bad Vöslau: Dort reichte der türkische Kulturverein Atib einen Entwurf für ein Kulturzentrum ein, der wegen seiner Architektur bei der Bevölkerung und allen Parteien auf Widerstand stieß. „Das ursprüngliche Gebäude wäre der Integration nicht zuträglich gewesen. Das Kulturzentrum an sich war nie ein Problem, nur das orientalische Aussehen. Die Bevölkerung hat Angst“, sagt Bürgermeister Christoph Prinz. Das als Kulturzentrum deklarierte Gebäude (ein Viertel der Fläche ist als Gebetsraum geplant) soll in einem desolaten Teil Bad Vöslaus namens „Klein Istanbul“ errichtet werden und dort eine „Hinterhofmoschee“ ersetzen.


Minarette nur angedeutet

Beim Betreiberverein Atib wurden die Proteste gelassen aufgenommen. Projektleiter Selfet Yilmaz: „Die Erkennbarkeit des Gebäudes war uns wichtig als Zeichen, anerkannt und akzeptiert zu werden. Es ist aber genau so wichtig, dass es sich in das Stadtbild integriert.“ Die Architektur wurde im Rahmen eines mehrmonatigen Mediationsverfahren deutlich entschärft, Minarette werden nur noch angedeutet. Der Verein gesteht der Gemeinde Einsicht in interne Vorgänge und Entscheidungen zu.

Heftige Debatten um ihre Religion praktizierende Moslems gibt es auch immer wieder in Westösterreich. In Vorarlberg gibt es – relativ zur Bevölkerung – die stärkste muslimische Gemeinde Österreichs. Und damit ist vorgezeichnet, dass Kulturvereine muslimischer Migranten immer wieder für Zwist und Hader in der Kommunalpolitik sorgen.

Dieser Streit ist in Telfs in Tirol ausgestanden: Hier waren Baupläne für eine Moschee mit heftigen Protesten begleitet. Sie sind erst nach mehreren Gesprächsrunden abgeebbt – und der Zusicherung, dass das Minarett kleiner ausfalle.

GEBET IN HALLEN

Im religiösen Leben der österreichischen Muslime spielen derzeit Kulturvereine von Migrantenorganisationen eine dominierende Rolle. Hier trifft man einander, hier wird auch das Freitagsgebet abgehalten – oft auf engstem Raum in Hinterzimmern oder in Hallen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2007)