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„Für Pläne muss man sich nicht schämen“

Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Anas Schakfeh, wünscht sich eine bessere islamische Infrastruktur – ihre Finanzierung sei aber sehr schwierig.

Die Presse: Braucht Wien eine neue Moschee? Im Frühsommer gab es Diskussionen über eine mögliche neue Moschee in Ottakring.

Anas Schakfeh: Das Ganze war eine Finte. Es gibt ein Grundstück im Eigentum des Vereins Imam Ali Zentrum. Aber das ist seit einigen Jahren so. Aktuelle Pläne für die Errichtung einer Moschee gibt es nicht. So hat es uns der Verein mitgeteilt.


Viele Gebetsräume sind in alten Wohnungen untergebracht. Und für große Anlässe müssen Sie sogar die Stadthalle buchen.
Schakfeh: Das ist ein Provisorium.

Provisorien werden irgendwann durch etwas Fixes abgelöst.

Schakfeh: Mit Sicherheit brauchen wir weitere Moscheen, denn wir haben in ganz Wien eine einzige Moschee. Aber es gibt jetzt keine aktuellen Pläne dafür.


Sie könnten ja selbst aktiv werden.
Schakfeh: Ich habe das nicht vor.

Vielleicht, weil Sie eine politische Diskussion deswegen fürchten?
Schakfeh: Ich spreche nicht über Fantastereien. Wir brauchen Moscheen. Aber wir haben nicht die Voraussetzungen dafür. Zum Beispiel Geld – das haben wir nicht. Weitere Voraussetzung wäre ein geeignetes Grundstück. Und in dem Bezirk, wo eine Moschee entsteht, sollen auch die politischen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Also fürchten Sie sich doch vor einer politischen Diskussion.
Schakfeh: Wenn wir Pläne für eine Moschee haben, werden wir das nicht vertuschen. Wir werden das transparent machen und mit Parteien und der Zivilgesellschaft darüber reden. Das ist ja nichts, wofür man sich schämen muss.

Aber viele Moscheen werden ja auch aus dem Ausland gefördert.
Schakfeh: Das ist eine fantastische Vorstellung, die nicht existiert. Früher gab es das, aber heute schon lange nicht mehr.

In Bosnien gibt es doch ein massives Engagement aus Saudi Arabien.
Schakfeh: Bosnien ist etwas anderes. In manchen muslimischen Ländern heißt es: Die Bosniaken, die armen! Aber für die Österreicher hat man kein Geld.
Wenn doch ein Geldgeber aus dem arabischen Raum käme, wäre das eine Möglichkeit?
Schakfeh: Wir lehnen das nicht ab. Aber ich habe potenziellen Financiers Projekte vorgelegt – und eine kalte Dusche erhalten. Mit dem Geld, das eine Moschee bei uns kostet, können sie zwanzig Moscheen in Afrika bauen.

Und wenn Sie Ihre Mitglieder um mehr Spenden bitten?
Schakfeh: Unsere Mitglieder sind nicht sehr begütert – das wird sich in den kommenden Jahren hoffentlich ändern. Aber es ist schon lobenswert und dankenswert, dass sie die bestehenden Gebetsstätten finanzieren. Man kann von ihnen nicht mehr als das verlangen.

Aber sind Sie vom Idealbild nicht noch weit entfernt?
Schakfeh: Natürlich haben wir noch keine idealen Bedingungen für eine funktionierende Gemeinschaft. Aber vor zehn Jahren hatten wir keine einzige konfessionelle Schule, jetzt haben wir sie. Wir hatten früher bescheidene Gebetsstätten in ehemaligen Kohlelagern, die sind verschwunden. Jetzt haben wir manchmal Stockwerke, manchmal ganze Häuser, die als Kulturstätte funktionieren.

Aber das kann Ihnen doch nicht wirklich genügen?
Schakfeh:
Solche Dinge passieren nicht von heute auf morgen. Es gibt Menschen, die es eilig haben und schnell bessere Rahmenbedingungen fordern.

So wie in einigen islamischen Zentren, die mit der Glaubensgemeinschaft nicht kooperieren?
Schakfeh: Ich kann mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, es gibt keine neuen Zentren, außer die, die wir kennen. Wir können gegen sie nichts unternehmen, nur davor warnen und informieren. Wenn wir etwas feststellen, werden wir das natürlich melden. Denn wir wollen die große Gemeinde der Muslime vor solchen schädlichen Tendenzen schützen.


Laut Verfassungsschutzbericht geht von Muslimen der zweiten Generation ein beträchtliches Gefahrenpotenzial aus.
Schakfeh: Wir wissen, es gibt wenige junge Menschen, die radikal denken. Die kennen wir alle. Und der Verfassungsschutz hat uns keine neuen Fakten mitgeteilt, dass wir sagen könnten, es gibt dramatische Veränderungen.


Es ist aber sehr wohl im Bericht zu lesen, dass die jüngere Generation zunehmend empfänglicher für radikale Strömungen wird.
Schakfeh: Man darf das nicht verallgemeinern. Wenn man von den Jungen spricht, sind das zigtausende Menschen. Sicher ist das nicht so gemeint. Es gibt gezählte, genau bekannte junge Menschen, die radikal sind. Und die sind dem Verfassungsschutz namentlich bekannt. Und es sind nicht viele.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2007)