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Kapellari: „Es gibt viele Christen, die vom Islam nicht viel wissen“

Die Presse (Clemens Fabry)
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Der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari fordert mehr Rechte für Christen in islamischen Ländern.

Die Presse: Sollen Muslime in einem christlichen Land Moscheen bauen dürfen?
Egon Kapellari: Ich bin selbstverständlich dafür, dass Muslime wenn sie die demokratische Rechtsordnung respektieren auch in einem christlich geprägten Land gemeinsam beten können und dafür geeignete Räume haben. Ich erwarte aber von muslimisch dominierten Staaten, dass sie Anhängern anderer Religionen Recht und Raum zur Ausübung ihres Glaubens geben. Diesbezüglich bleibt der Islam weltweit noch viel schuldig.

Soll es für eine Moscheen-Baugenehmigung Voraussetzung sein, dass Kirchen in muslimischen Ländern gebaut werden dürfen?
Kapellari: Es ist wünschenswert für die Glaubwürdigkeit muslimischer Forderungen, dass Muslime, die etwa in Österreich leben, sich für Religionsfreiheit in ihren Herkunftsländern einsetzen. So lange Christen sich in fast allen islamischen Ländern verstecken müssen, sollten Muslime in Ländern wie dem unseren auf städtebaulich dominante Moscheen verzichten.

Aber was können Moslems, die hier leben, dafür, wenn in ihrem Heimatland etwas schief läuft?
Kapellari: Natürlich kann der einzelne Moslem nicht die Verantwortung für die ganze Politik eines islamischen Landes tragen. Aber etwas Verantwortung trägt man allemal, und ein bisschen Prägekraft haben wir immer in der eigenen Gemeinschaft.

Sie haben einmal von einer Bringschuld des Islam gesprochen.
Kapellari: Es ist für Muslime sicherlich schwierig, sich zu integrieren und dabei die Identität zu behalten. Aber es ist auch für die christlich geprägten und zum Teil säkularisierten Länder schwierig, den Islam zu integrieren.
Weiß man vielleicht einfach zu wenig voneinander?
Kapellari: Es gibt viele Christen, die vom Islam nicht viel wissen und daher ein falsches Bild haben. Es gibt aber auch viele Muslime, vor allem in asiatischen Ländern, die das Christentum nicht kennen. Und dort besteht die Gefahr, ein kollektives Ressentiment gegen den Westen aufzubauen, das den Weltfrieden gefährdet.

Inwieweit ist der Islam ein Konkurrent im Kampf um die Gläubigen?
Kapellari: Ich würde das Konkurrenzmodell nicht im Sinne einer ökonomischen Denkform gelten lassen, aber fast alle Religionen müssen und wollen missionarisch tätig sein.

Sollen christliche Kirchen muslimische Einrichtungen fördern?
Kapellari: Von Kleingruppe zu Kleingruppe gibt es sicherlich ehrenwerte Projekte des Miteinander, die auch einem christlichen Ethos entsprechen. Aber man darf nicht die eigene Gemeinschaft in ihrer Identität blockieren, wenn von der anderen Seite keine Schritte gemacht werden. Der Islam hat eine Identität, die sich sehr vom Christentum unterscheidet. Dialog soll es geben, indem man Regeln zu einer friedlichen Koexistenz entwickelt. Aber doch nicht so, dass man wechselseitig Glaubensinhalte verändern wird können.

Müssen wir uns vor dem Islam fürchten?
Kapellari: Man soll den Islam möglichst gut kennen und wissen, dass er nicht homogen ist. Er ist vielgestaltig, hat auch kein globales Zentrum. Aber er hat Probleme mit der westlichen Welt. Und eine Mehrheit von Anhängern, die das Christentum nicht kennen. Genauso sollten wir den Islam gut kennen, denn wir müssen weltweit mit ihm leben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2007)