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Jazzfestival Saalfelden: Bitte, schenkt den Jazzern Scheuklappen!

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Im zweiten Jahr nach seiner großen Krise ist das qualitativ führende Jazzfest Österreichs sehr lebendig. Ob das auch für den Jazz gilt? Am überzeugendsten waren die Musiker, die zu einem Stil stehen.

Scheuklappen überall! Nein, wir reden hier nicht vom Pferdesport. Aber in jedem zweiten Text über Jazz – natürlich auch im Programm des Jazzfestivals Saalfelden – ist heute von ihnen die Rede. Musiker, denen Scheuklappen fehlen, die keine „Genre-Grenzen“ kennen, sich in keine „Schublade“ stecken lassen wollen, wird das höchste Lob zuteil.

So lag an den ersten beiden Tagen des Jazzfestivals Saalfelden ein paradoxer Stoßseufzer nahe: Ach, trügen die Musiker doch Scheuklappen! Blickten sie doch nicht dauernd nach links und rechts in den Garten der Stilrichtungen! Konzentrierten sie sich doch auf die Musik, die ihnen am Herzen liegt!

Zum Beispiel die österreichische „Jazzwerkstatt“, im Programm für „scheuklappenlosen Antipurismus“ gelobt. Klar, diese Musiker sind technisch unschlagbar, verstehen sich auf jede Stilrichtung vom nächtlichen Cooljazz bis zum neckischen Rockjazz, haben sogar Glöckchen und Choräle auf Abruf bereit. Nur wird man den Eindruck nicht los, dass sie nie tun, was sie tun müssen, sondern zeigen, was sie alles können. Nicht im Sinn der postmodernen Ironie (dafür wäre es auch gut zwei Jahrzehnte zu spät), sondern ganz treuherzig. Das Konzert als Matura aus allen Fächern.

Ein Lob dem Tunnelblick

Drei Stunden später kam die Antithese: „Secret Rhythms 2“, drei Musiker, die auf ihrem Kurs bleiben. Auf ihrer Autobahn, um im Vokabular des „Kraut-rock“ zu bleiben, der genialen, zwischen sachlich und versponnen irrlichternden Rockmusik aus dem Deutschland der Siebzigerjahre. Jaki Liebezeit, bei der Band „Can“ eine Zentralfigur des Krautrock, saß am Schlagzeug und trieb die anderen beiden (Burnt Friedman, Tim Motzer), während sie ihn trieben, auf ihrer endlosen Reise, manchmal mit 80, manchmal mit 130 km/h, aber immer geradeaus. Eine Reise, die zugleich Meditation ist: In dieser Musik geht das Subjekt in der Umgebung auf, in den Eindrücken der vorbeifliegenden Landschaft. Ein kinetisches Erlebnis.

Zweiter Höhepunkt: die Wiener Band Tumido in einer „Extended Version“. Auch sie bestach durch Konsequenz: Muster aus Jazz, Dub und Metal, konzentriert variiert. Auch hier werden Rhythmen und Stilrichtungen ernst genommen, auch hier fehlt jede verlegene „ironische Brechung“. Wie sie etwa bei der niederländischen „Flat Earth Society“ geradezu zwanghaft war. Eine „Heavy Metal Bigband“ war versprochen, man hörte bestenfalls manieriertes Heavy Blech. Ganz ohne Scheuklappen natürlich...

Was man alles aus einer Bigband machen kann, zeigte wieder einmal Butch Morris: Mit gewohnter Eleganz führte er sein Ensemble durch sein Feld aus reifem Jazz, dirigierte auch jene Gefühlsausbrüche, die man aus dem Freejazz als „spontan“ kennt.

Ja, so klang die Befreiung

Ach ja, der Freejazz. 40 Jahre nach seinem Aufbruch ist er mindestens so vorhersehbar wie die Richtungen vor ihm, und trotzdem freut man sich, wenn die Illusion kurz wiederbelebt wird, man könne sich in ihm noch befreien. Etwa beim Trio „Streaming“: konspirative Musik, in der man miteinander haucht, atmet, stürmt. Oder bei David Torns Ensemble „Prezens“: von Beginn an auf höchster Stufe, stets am Überkochen, eine Beschwörung der vier Elemente, die hier Sturm, Feuersbrunst, Erdbeben und Überschwemmung heißen. Wenn sich die Unwetter kurz beruhigten, hörte man Brisen aus dem Rockjazz der frühen Siebziger, und Torn erinnerte an den norwegischen Gitarren-Zauberer Terje Rypdal. Wie erstaunlich viele interessante Gitarristen heute: Man klingt nicht mehr wie Hendrix, zum Glück auch nicht wie McLaughlin, sondern wie Rypdal. Lied der Fjorde für immer!

Bisweilen auch beim Österreicher Martin Koller, der sein neues Projekt „Strange Balls of Fire“ vorstellte. Der Name lehnt sich an einen Rock'n'Roll-Klassiker an, laut Schlagzeuger nach Rücksprache mit dem „Orakel von Jerry Lee Lewis“, und das hört man auch. Koller muss sich nicht an den „Alternative Rock“ anbiedern, er schaut auch nicht auf ihn hinunter, für ihn sind Hardcore-Breaks mindestens so normal wie ein Bebop-Unisono. So hörte man nach seinem Konzert da und dort murmeln, das sei denn doch kein Jazz... Egal, da waren zumindest Scheuklappen, hier und dort, gut so.

JAZZFEST: Im Kongresszentrum, im Zelt, auf der Alm

Zum 28.Mal fand das „International Jazzfestival Saalfelden“heuer statt, zum zweiten Mal nach einer schweren finanziellen Krise, nach der der Tourismusverband des Ortes die Organisation übernommen hat.

Einst in einem riesigen Zelt außerhalb des Orts, findet das Festival seit 2006 im repräsentablen Kongresszentrum statt. Doch alle Konzerte werden live in ein Zelt davor übertragen, wo auch die einheimische Bevölkerung die Auftritte – gratis – verfolgt. Das bringt Akzeptanz im Ort. So können sich die Jazzfest-Besucher in Saalfelden als gern gesehene Gäste fühlen – ganz im Gegensatz etwa zum ebenso traditionellen Jazzfest in Wiesen. Zur „Main Stage“ kommen eine „City Stage“ (wo überhaupt kein Eintritt verlangt wird), das Kunsthaus Nexus – und Konzerte auf diversen Almen der Umgebung.

Die Organisation war heuer perfekt, die Konzerte fingen sogar – jazzuntypisch – sämtlich ohne Verspätung an.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2007)

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