Der einzige Star sind die Salzburger Festspiele

Trotz prominenter Absagen war 2007 kein schlechtes Jahr. Allerdings fehlen Regisseure mit Weltgeltung.

Die Saison 2007 wird in Salzburg als das Jahr der dramatischen Absagen in die Festspiel-Geschichte eingehen: Die Netrebko verkühlt nach einer intensiven Tour, Shicoff noch immer verschnupft, weil man ihn nicht Wiener Staatsoperndirektor werden ließ, das sind nur die prominentesten der zumindest für die Medien schmerzhaften Ausfälle.

Hat es dem Image von Salzburg geschadet? Nein, das Festival ist zu breit und auf zu hohem Niveau angelegt, als dass es durch Fehlen bestimmter Zugnummern leidet. Und wer ein derart fanatischer Fan eines einzelnen Künstlers ist, dass er ihm oder ihr zu Events auf der ganzen Welt nachreist, der weiß, dass plötzliche Unpässlichkeiten zum Risiko gehören. Lang geplante Italienreisen, bei denen man Domingo oder Pavarotti dann eben nicht sah, sollen auch schon vorgekommen sein.

Die Schäfer statt der Netrebko also – nur schwerhörige Industriekapitäne oder lüsterne Adabeis beklagen einen Qualitätsverlust. Im „Figaro“ haben heuer in Salzburg sogar beide Sängerinnen gefehlt. Dennoch wurde es eine wunderschöne Aufführung mit exzellentem Ersatz. Dieses hässliche Wort will man in der Festspielführung gar nicht erst hören. Wer in Salzburg singen darf, ist niemals Substitut. Deshalb ist auch die emotionelle Reaktion von Präsidentin Helga Rabl-Stadler so bezeichnend. Für sie ist allein Salzburg der Star, glücklich sei der Künstler, der hier auftreten darf, beknirscht die arme Person, die es nicht schafft. Eine Prognose wollen wir wagen.

So emotionell wie der Zwist wird auch die Aussöhnung mit Netrebko sein. Wenn ihre Stimme hält, und das will man hoffen, wird es noch viele beglückende Abende mit ihr im Festspielhaus geben. Die wechselseitige Abhängigkeit ist evident.

Wie ist also die Bilanz von 2007 zu sehen, wenn man alles nur in allem nimmt? Nun, die Festspiele haben sich im Charakter ein wenig an ihren neuen Intendanten Jürgen Flimm angepasst und waren vor allem unaufgeregt professionell. Das war wahrscheinlich auch nötig nach dem Mega-Mozart-Jahr 2006, in dem alle Besucher- und Aufführungsrekorde gebrochen und die Wiener Konkurrenzveranstaltungen in die Schranken gewiesen wurden. Solche olympischen Spiele gibt es nur alle heiligen Zeiten. Das offizielle Motto lautete 2007 „Nachtseite der Vernunft“, das inoffizielle „Normalisierung“. Mit diesem Kurs haben Flimm und sein Team, wie an diesem Montag verkündet werden wird, eine hohe Auslastung auf dem Niveau der Wiener Staatsoper und eine durchaus positive Bilanz geschafft. Das ist bemerkenswert für ein fünfwöchiges Festival mit einem Budget von 50 Millionen Euro.

Bemerkenswert scheint auch weiterhin die Vielfalt des Angebotes bei diesem Großunternehmen. Der erfreulichste Neuzugang ist Konzertchef Markus Hinterhäuser. Er hat, etwa mit dem Kontinent Scelsi und Barenboims West-Eastern Divan Orchestra, Offenheit und Experimentierfreude demonstriert, die ein so renommiertes Festival dringend nötig hatte.

Hinterhäusers feines Programm brachte Internationalität in die Stadt. Die gab es zwar auch im Bereich des Theaters, aber nur auf Nebenschienen. Der neue Schauspielchef Thomas Oberender brachte große US-Dichter nach Salzburg und den interessantesten Nachwuchs ins Republic. Es gelang auch ein famoses „Quartett“, doch der Rest, die großen Inszenierungen, waren schlicht besseres Stadttheater.


Das gilt wohl auch für den Opernbereich, den Flimm persönlich konzipiert hat. Mit „Armida“, „Onegin“, „Freischütz“, „Cellini“ wurde zwar ein außergewöhnliches, kontrastreiches Programm erstellt, doch bei der Wahl der Regisseure zeigte man wenig Experimentierfreude: Deutsches Regietheater aus dem Schüler- und Freundeskreis des Intendanten reicht nicht für die Festspiele. Wo bleiben die Namen mit Weltgeltung, oder gibt es heute keine Künstler mehr wie Strehler?

Es war also ein recht durchwachsenes erstes Jahr für das neue Team, ohne Richard Strauss, mit wenig Mozart. Die Jahre der Bewährung stehen für Flimm noch aus, und ihr Erfolg hängt nicht nur vom Erfindungsreichtum der Intendanz ab. Die Subventionen der Festspiele sind seit Jahren eingefroren. Valorisierung und Sanierungsmaßnahmen sind dringend nötig. Wenn Bund, Land, Stadt nicht mehr Geld geben, wird nicht nur die erste Saison nach dem generösen Mozartjahr den Charakter eines Sparprogrammes haben, sondern es wird tatsächlich gekürzt werden müssen. Erst dann wird sich weisen, wie kreativ Intendanz und Präsidentschaft wirklich sind.

Analyse Musik Seite 25
Analyse Schauspiel Seite 26


norbert.mayer@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2007)

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