Festspiele, Theater. Ermüdender Molière, verstümmelter Bernhard, harmloser Shakespeare. Thomas Oberender überzeugte als neuer Schauspiel-Chef nur bedingt.
Im Vergleich mit seinem Vorgänger Martin Kusej hat Thomas Oberender, neuer Theaterchef der Salzburger Festspiele, eine nur mäßige erste Saison produziert. Das Enttäuschende lag vor allem an den zwei großen Produktionen, die mit den Glanzleistungen im Vorjahr nicht mithalten konnten. Mit Nestroys „Höllenangst“ hatte Kusej 2006 beim Nestroy-Preis reüssiert, so etwas Grandioses gab es heuer nicht, und auch der vorjährige „Tartuffe“ in der Regie von Dimiter Gotscheff lässt in der Retrospektive das 2007 Gebotene verblassen. Luk Perceval plagte sich und seine Schauspieler auf der Perner-Insel in Hallein durch vier Stunden Molière, eine bittere Melange aus vier großen Komödien – wie leichtfüßig, zynisch, zeitgemäß wirkte dagegen Gotscheffs Inszenierung.
„Ein Fest für Boris“ entschärft
Noch schlimmer aber als „Molière. Eine Passion“, die immerhin eine intensive erste Stunde hatte, ehe die große Ermüdung eintrat, geriet Regisseurin Christiane Pohle „Ein Fest für Boris“ im Salzburger Landestheater. Das erste Stück von Thomas Bernhard wurde erst entschärft und dann verstümmelt.
Harmlos: Shakespeares „Sommernachtstraum“, inszeniert von Christian Weise. „Episch, brav und langweilig“, schrieb Barbara Petsch über die Koproduktion mit dem Zürcher Schauspielhaus. Wenn das nur kein schlechtes Omen für dessen Leiter Matthias Hartmann ist, der ab 2009 Burgtheater-Direktor sein wird.
Nur ein einziges Mal großes Theater
Seine Nachfolgerin in Zürich hingegen, Barbara Frey, hat in Salzburg gezeigt, wie man es richtig macht. Von den großen Premieren konnte nur ihre berückende Inszenierung von Heiner Müllers Kammerspiel „Quartett“ wirklich überzeugen, das aber restlos. Ideal für ein Festival wie Salzburg: Zwei echte Stars, Barbara Sukowa und Jeroen Willems, spielen großes Theater. Frey betont Müllers Stärken, rettet ihn vor dem Epigonalen. „Quartett“ lässt hoffen, dass Thomas Oberender es 2008 besser machen wird, aber er hat bereits einige andere Stärken bewiesen: Die Nebenschiene „Young Directors Project“ bot lebhaftes, internationales Theater, ganz im Kontrast zum vorherrschenden deutschen Regie-Eintopf bei den Opern.
Mit „Le Salon“ hat die belgische Truppe „Peeping Tom“ den Montblanc Award wirklich verdient, auch das Experiment „WMF. Wiedersehen macht Freude“, eine Koproduktion von schauspielfrankfurtund HAU-Theater Berlin, war preiswürdig. Selbst die italienische Produktion „Come un cane senza padrone“, eine Pasolini-Hommage, hatte Charme: Nur das makabre, schwer einzuordnende Puppenspiel „Lager“ aus Rotterdam wirkte etwas deplaziert.
Weltmännisch, auch das stimmt schließlich doch noch optimistisch, geriet die Veranstaltungsreihe „Dichter zu Gast“. Oberender konnte zwei bedeutende US-Epiker verpflichten, Pulitzer-Preisträger Richard Ford und Jeffrey Eugenides. Schloss Leopoldskron, einst im Besitz von Festspiel-Gründer Max Reinhardt, war der würdige Rahmen für die beiden, die sich erst etwas kapriziert gaben, von Salzburg aber letztendlich ganz offensichtlich begeistert waren.
„Jedermann“ ohne Glaube
Bleibt noch der „Jedermann“. Peter Simonischek macht ihn routiniert und souverän immer mehr zum Leidensmann, diesmal hatte er mit Sven-Eric Bechtolf als teuflisch-gutem Gesellen einen ebenbürtigen Mitspieler. Die neue Buhlschaft, die wunderschöne, für gewöhnlich ausdrucksstarke Marie Bäumer, wirkte auf dem Domplatz etwas blass. Schuld war die Regie, die ihre Auftritte mit billigen Gags schwächte, den Schluss arg beschnitt und dem Stück ganz forsch den Glauben nahm. So viel deutsche Gründlichkeit sollte man aber in Salzburg vermeiden.
MATCH: Kusej, Oberender
Thomas Oberender (re.) ist als Salzburger Schauspielchef Nachfolger von Martin Kusej, der mit Grillparzers „König Ottokar“ und „Höllenangst“ von Nestroy stark akklamierte Aufführungen lieferte, die ans Burgtheater übersiedelten. Kusej, der beim Burgtheater gegen Matthias Hartmann unterlag, übernimmt 2011 von Dieter Dorn das Bayerische Staatsschauspiel.
Geboren wurde Thomas Oberender in Jena. Er arbeitete an den Schauspielhäusern von Bochum, Zürich und für die Ruhr-Triennale. Außerdem war er für das Berliner Deutsche Theater im Gespräch, wo er aber gegen den Intendanten des Hamburger Thalia Theaters Ulrich Khuon unterlag, der 2008 Bernd Wilms ablöst.
Martin Kusej leitete das Schauspiel der Salzburger Festspiele von 2004 bis 2006. Seine Inszenierung von Nestroys „Höllenangst“ wird im Burgtheater wieder am 14., 15. und 19. September gespielt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2007)