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Wien: Droht rechte Gewalt aus der Vorstadt?

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Jugend und Gewalt. Freitag versetzten 100 gewaltbereite Jugendliche Groß-Enzersdorf in Angst. Jetzt wird klar: Es waren auch Skinheads unter ihnen. Der Verfassungsschutz ist eingeschaltet. Die Spuren führen nach Wien.

Wien/Gross-Enzersdorf. Wie kann es sein, dass eine Gruppe von gewaltbereiten Jugendlichen ein beschauliches Städtchen östlich von Wien in kollektive Angst versetzt? Welche Rolle spielen dabei offensichtlich rechtsradikale Skinheads? Drohen hierzulande gar Zustände wie in Deutschland, wo unlängst ein grölender Mob Ausländer ohne ersichtlichen Grund krankenhausreif schlug?

Die Antworten auf diese Fragen suchen derzeit die Beamten des niederösterreichischen Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (LVT). Unterstützt werden sie dabei von ihren Kollegen aus Wien.

Anlass für die Ermittlungen ist ein „Zwischenfall“ von vergangenem Freitagabend, bei dem eine Gruppe Jugendlicher aus der Bundeshauptstadt die Gäste des Groß-Enzersdorfer Kirtags terrorisierte. 60 Polizeibeamte, u. a. Mitglieder der Wiener Spezialeinheit WEGA, rückten aus, um die Lage unter Kontrolle zu bringen.


„Keine Parolen gerufen“

Im Normalfall schaltet sich der Verfassungsschutz auch bei größeren Kirtags-Schlägereien (die Bilanz von Groß-Enzersdorf liest sich mit zwei Anzeigen wegen Körperverletzung sogar noch relativ harmlos) nicht ein. In diesem Fall liegt die Sache jedoch anders. Im Einsatzbericht ist nämlich ausdrücklich von „Skinheads“ die Rede, die in Kleingruppen von bis zu fünf Personen durch den Ort gezogen sein sollen.

„Die Skinheads unter den Jugendlichen waren jedoch in der Minderheit und fielen auch nicht durch ausländerfeindliche Parolen auf“, sagt Rudolf Slamanig, Leiter des LVT Niederösterreich. Insgesamt ist in den internen Berichten der Exekutive von knapp 100 Jugendlichen die Rede. Die von mehreren Medien kolportierten 200 Gewalttäter entsprechen offenbar nicht der Realität.

Ihren Ausgang nahm die Aktion bei einer eher kleinen Schlägerei einiger weniger Mitglieder verfeindeter Wiener Jugendgruppen. Bedrohliche Ausmaße nahm die Situation erst an, als mit dem Autobus der Linie 26A „Verstärkung“ eintraf. Das Großaufgebot der Polizei ließ jedoch eine Eskalation der Lage gar nicht erst zu.

Erste Spuren deuten auf Jugendbanden im Bereich Großfeldsiedlung in Wien hin. Einmal mehr also das Klischee der Vorstadt-Wohnsilos als Hort rechtsradikaler Gewalt unter perspektivlosen Jugendlichen? „Die Großfeldsiedlung ist, was Gewalt unter Jugendlichen betrifft, nicht auffälliger als andere Großsiedlungen“, sagt Günther Berghofer, Stadtpolizeikommandant für den 21. Bezirk.

Andererseits: „Presse“-Recherchen ergaben, dass Einsatzgruppen der Wiener Polizei in jüngster Vergangenheit immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen offenkundig rechtsgerichteten Banden aus der Großfeldsiedlung und Jugendlichen mit Migrationshintergrund gerufen wurden. Beim jährlich stattfindenden Donauinselfest finden derartige Schlägereien fast auf Ansage statt.

Unklar ist, ob die Jugendlichen das rechtsradikale Image „nur“ zur Provokation einsetzen, um auf sich aufmerksam zu machen, oder ob sie sich ernsthaft vor dem Hintergrund dieser Ideologie organisieren. Dennoch – oder vielleicht auch gerade deswegen – geht die Polizei mit Meldungen darüber nur ungern an die Öffentlichkeit.


Bewaffnung: Baseballschläger

So unbekannt dürfte den Behörden die Szene aus dem Norden Wiens jedoch nicht sein. „Vor dem Zwischenfall in Groß-Enzersdorf gab es dafür einen nebulosen Hinweis, der eher zufällig zustande gekommen ist“, sagt der zuständige Bezirksinspektor für Gänserndorf, Adolf Brenner. Und auch Stadtpolizeikommandant Berghofer weiß von „Problemen“ zwischen Jugendlichen aus Wien und Groß-Enzersdorf.

Noch dürfte sich die Gewaltbereitschaft der Gruppe jedoch in überschaubaren Grenzen halten. Als am Freitagabend nämlich die WEGA-Spezialeinheit nach Groß-Enzersdorf ausrückte, räumten die überwiegend 14- bis 15-Jährigen relativ schnell und eingeschüchtert das Feld. Festnahmen gab es keine.

Dafür einen weiteren Polizeieinsatz. Weil Anrainern der Region Siegesplatz in Wien-Donaustadt eine friedliche, aber mit Baseballschlägern um die Häuser ziehende Gruppe von etwa 25 Personen nicht geheuer war, rückten erneut Einsatzkräfte aus. Es waren dieselben Jugendlichen, die in Groß-Enzersdorf für Aufsehen gesorgt hatten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2007)