Los Angeles. In einer Architektur-Ikone in L. A. versucht das MAK am Leben zu halten, was nicht nur Wiens Kultur einst prägte – den Salon. Diesmal mit und ohne Arnulf Rainer.
Ein „plattgewalztes Loch“ sei Los Angeles. Derart unbeschreiblich beschrieb der ebenso unbeschreibliche Martin Kippenberger in den 90ern sein ganz persönliches L.-A.-Feeling, liest man jedenfalls in der Bio, die seine Schwester Susanne heuer veröffentlichte. Die Enttäuschung des hyperkommunikativen Künstlers beruhte wohl vor allem darauf, dass hier zwar viele Künstler wohnen, von John Baldessari bis Raymond Pettibon. Aber kilometerweit voneinander entfernt. Ohne schicken Schlitten geht da kein Pläuschchen geschweige denn Räuschchen. Keine Beisln oder Kaffeehäuser erlauben verschwörerische Rudelbildung.
Dass es zu Fuße der Hollywood-Reklame nicht immer so ungemütlich zuging und zugeht, dafür sorgten und sorgen wieder einmal die Österreicher – wobei damit jetzt nicht (nur) der Governor und sein Gastronom, Schwarzenegger und Wolfgang Puck, gemeint sind.
Schlafen und feiern im Freien
Bis in die 50er führten der 1920 aus Wien in die verheißungsvolle Neue Welt aufgebrochene Architekt Rudolf M. Schindler und/oder seine wilde, kommunistisch aktive Gattin Pauline in ihrem bis heute in der Architektenszene berühmten, asiatisch angehauchten Pavillon-Haus mit kecken Freiluft-Schlafkobeln am Dach einen „Salon“.
In den vergangenen Jahren wurde dieser wieder belebt, von MAK-Direktor Peter Noever, der mit dem Schindler-Haus seit 1994 das älteste in L. A. noch erhaltene Beispiel der Architekturmoderne als exklusive MAK-Außenstelle führt. Inklusive Kunststipendiaten in den nahen, ebenfalls von Schindler erbauten Mackey-Appartements.
Eine Initiative, die in L. A. auf heftige Gegenliebe stößt: Denn hier wird die von Österreichern wie Schindler und Richard Neutra einst stark gemachte architektonische Moderne, die wir nie hatten, heute von einer Gruppe reicher junger Fanatiker mit teils an Fetischismus grenzendem Authentizitätswahn gepflegt, allen voran der ehemalige TV- und Filmkomponisten Michael Boyd. Oder aber wie beim Ehepaar Samitaur-Smith radikal ins Heute weiter gedacht: Mit dem Architekten Eric Owen Moss bauen und „zivilisieren“ sie einen ganzen verslumten Stadtteil in Culver City. Samt florierender Ballettschule für Straßen-Kids.
Klar, dass auch dieses so schrille wie beseelte Paar vergangenen Donnerstag beim jüngsten MAK-Salon im Garten des Schindler-Hauses an der langen Tafel Platz nahm, zu der diesmal als Gastgeberinnen Frau und Tochter von Arnulf Rainer, Hannelore und Clara Ditz, gebeten hatten. Der Maler, dessen unlängst vom MAK erworbenen Plakatentwürfe hier gerade ausgestellt sind, hatte die weite Reise gescheut. Und konnte so auch nicht die Anekdoten und Liebeserklärungen verhindern, die Gäste wie der austroamerikanische Musikproduzent Peter Wolf oder der an der UCLA lehrende Judenburger Architekt Mark Mack zum delikaten Essen auftischten.
Nicht einmal ein schelmisch mit einer Retrospektive im New Yorker MoMA lockender Anruf im oberösterreichischen Atelier brachte den Meister an seinem freitäglichen Maltag zumindest an den Handy-Hörer der in L.A. versammelten Fangemeinde. Was die Stimmung aber nicht wesentlich trübte, in dieser Idylle mitten im „plattgewalzten Loch“. Unter diesen Umständen wäre wohl auch ein Kippenberger hier geblieben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2007)