Interview. Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder setzt weiter auf Private und möchte keine Einmischung.
Die Presse: Ministerin Schmied plant eine Museumsreform: Rahmenzielvereinbarungen, mehr Koordination. Museumsdirektoren sollen nicht mehr machen können, was sie wollen. Klingt nach Daumenschrauben. In einigen Museen wird es bald neue Direktoren geben, in anderen gibt es sie schon. Eigentlich sind die Museen eine Großbaustelle.
Klaus A. Schröder: Eine Großbaustelle sieht wirklich anders aus. Die Realität ist: Acht Jahrzehnte hat der Staat das gewaltige Erbe, das Wien zur Weltkunststadt gemacht hat, verwaltet und nichts für dessen Erhaltung getan. Es gab keine Ankaufsbudgets. Man hat die Gebäude verwahrlosen lassen. Im Kunsthistorischen Museum gab es nicht einmal Strom! Seit acht Jahren sind wir ausgegliedert, und eines ist sicher: Unsere Erfolgsgeschichte seither ist einzigartig. Früher hatte die Albertina 7000–15.000 Besucher. Jetzt hat sie 700.000–800.000. Wir nehmen nicht 70.000, sondern acht Mio. Euro ein. Die Basisdotierung (Subvention) hat sich jedoch um keinen Euro verändert.
Nicht allen Museen geht es so gut.
Schröder: Alle Museen haben seit der Ausgliederung Fortschritte gemacht.
Wollen Sie damit sagen, dass das Ministerium die Museen lieber in Ruhe lassen, sich nicht einmischen und genug Geld geben soll?
Schröder: Ich würde mich über eine Wortmeldung freuen, dass die Museen so gut dastehen wie noch nie – statt dass man fortwährend von einer Baustelle redet. Es werden ja jetzt Experten von außen kommen und sich mit den Bundesmuseen befassen. Gegen einen unabhängigen Rat ist überhaupt nichts einzuwenden. Aber hervorragende Experten sind auch hier. Viele Museumsdirektoren sind in hohen internationalen Gremien. Das gilt für Generaldirektor Seipel ebenso wie für mich. Wenn Seipel einen Festvortrag zum Louvre-Jubiläum hält, ist das ein Symbol. Wie die Einladung zu Vorträgen über die Neustrukturierung der Albertina, die ich in den staatlichen Museen in Berlin halte.
Was soll denn Ihrer Meinung nach passieren?
Schröder: Nach acht Jahren kann man über eine Erhöhung der Basisdotierung reden. Wir haben unseren Anteil geleistet. Wir haben diese Museen gut geführt und mit einer finanziellen Ausstattung, die aus den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts stammt, ins 21.Jahrhundert katapultiert.
Sie bauen jetzt wieder aus. Was kostet die neue Ausstellungshalle im Obergeschoß, wer zahlt da was? Außerdem werden dafür die gerade neu gemachten Büros weggerissen.
Schröder: Der Ausbau kostet fünf Mio. Euro, wir bekommen zwei Mio. vom Wirtschafts- bzw. Bildungsministerium. Ich will jetzt nicht Leistungen des Wirtschaftsministeriums kleinreden, das 50 Mio. Euro vor allem für die unterirdischen Erweiterungsbauten gegeben hat. Das ist sehr viel Geld und verdient ein großes Dankeschön. Zusätzlich wurden aber 20 Mio. Euro von Privaten geleistet. Für die jetzige Erweiterung bringen wir wieder drei Mio. Euro selbst auf. Ja, die Büros kommen weg. Der Verlust ist nicht groß, 60.000Euro, das ist bei einem Gesamtvolumen von fünf Mio. Euro nicht viel. Und der Raum wird öffentlich zugänglich.
Sie werden viel kritisiert, nicht nur von Kollegen, auch von Theo Öhlinger, Univ.-Prof. für öffentliches Recht, der eine Museumsholding nach dem Vorbild der Bundestheater forderte.
Schröder: Ich habe mich mit Öhlinger getroffen. Ich glaube, dass er sich mit der Idee einer Museumsholding verrennt. Auch andere Kritik geht an Tatsachen vorbei. Wir sind weit entfernt, in Wien das globalisierte Kunstschaffen zu zeigen – aus China, Indien, Russland, Südafrika, natürlich Amerika und Europa. Im Museum moderner Kunst (Mumok) gibt es keine moderne Kunst zu sehen. Es gab keine Ausstellungen über Matisse, Surrealismus, Max Beckmann oder den „Blauen Reiter.“ Dort findet exzellente, jüngste Avantgarde-Kunst statt.
Aber es gab vor Jahren eine große Picasso-Ausstellung im Museum des 20.Jahrhunderts.
Schröder: Das war eine Ausnahme und keine konzipierte Picasso-Ausstellung, sondern der private Ludwig-Bestand, um einen Stifter zu ehren, der viel für das Museum getan hat. Das tun wir auch. Mit unserer Picasso-Ausstellung hat das nichts zu tun.
Was bringt die Batliner-Sammlung?
Schröder: Wir sind jetzt in der Lage, eine jahrzehntelang beklagte Lücke in der Wiener Museumslandschaft zu schließen, indem wir die Klassische Moderne der Sammlung Herbert und Rita Batliner zeigen. Ich vermute, anderswo würde das wochenlang gefeiert, wenn Sie an die Sammlungen Berggruen oder Marx denken, die nach Berlin gegangen sind, oder die Sammlung Brandhorst in München oder die Sammlung Annenberg im New Yorker „Metropolitan“.
Sammlungen können wieder abgezogen werden, Leihgaben bleiben nicht ewig. Man sollte lieber selber kaufen, sagen Kritiker.
Schröder: Die Sammlung Batliner ist eine unbefristete Dauerleihgabe: Frühestens nach zehn Jahren könnte sie aus triftigen Gründen abgezogen werden. Wer will triftige Gründe liefern? Die Albertina sicher nicht. Wir werden alles tun, damit uns diese Sammlung erhalten bleibt. Wobei es keinerlei Auflagen in der Präsentation gibt. Andere Sammler stellen da sehr wohl Bedingungen. Kaufen können wir diese Kunst heute ohnehin nicht mehr. Wir können uns keinen Rothko um 72 Mio. Euro leisten und auch keinen Francis Bacon um 65 Mio. Euro. Vor 15 Jahren hätte man Spätwerke von Picasso noch für 10 Mio. Schilling bekommen, viel Geld, aber ein reiches Land wie Österreich hätte das leicht zahlen können. Heute kostet so ein Picasso 30 bis 40 Mio. Euro. Das kann man sich nicht mehr so leicht leisten. Der Staat hat über Jahrzehnte entschieden, den Museen nicht genug Budget für Ankäufe zu geben. Nun müssen sich die Museen selber helfen. Und vom Standpunkt der Albertina kann ich nur allen Museen raten: Suchen wir nicht immer das Heil nur beim Staat. Wir sind bei der Sammlungserweiterung und auch sonst in vielen Bereichen auf Private einfach längst angewiesen.
Warum werden Sie nicht Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums als Nachfolger von Seipel. Dann könnte man KHM und Albertina zusammenlegen und keiner würde mehr fragen: Warum zeigt Schröder ständig Gemälde statt Grafik? Kollegen sind dafür.
Schröder (ironisch): Na vielleicht kommen die dann ja alle in die Expertengruppe von Ministerin Schmied. Im Ernst: Ich bin glücklich in der Albertina. Ich denke weder an das KHM noch an eine internationale Karriere. Ich habe für dieses Haus gekämpft und möchte die Früchte der erfolgreichen Neupositionierung ernten. Prinzipiell allerdings: Seipel hat immer gesagt, dass das KHM das einzige Museum weltweit ist, das keine Grafische Sammlung hat.
Wieso streiten seit einiger Zeit fortwährend die Museumsdirektoren untereinander?
Schröder: Wenn Sie eine Reisschüssel haben und sieben Hungernde, werden diese, so traurig das ist, um den Reis streiten.
ALBERTINA: Pläne und Kritik
Monet–Picasso, die Sammlung des Liechtensteinischen Anwalts Herbert Batliner und seiner Frau Rita, ist ab 14.September in der Albertina zu sehen. Schon als Kunstforum-Chef präsentierte Albertina-Chef Schröder die Sammlung, die rund 500 Werke umfasst.
Kritik seines Kollegen Edelbert Köb, Leiter des Museums moderner Kunst (Mumok), die Erhaltung der Batliner-Sammlung koste viel Geld, man soll lieber Kunst kaufen statt ausleihen, schmettert Schröder ab.
Dem Vorwurf, er zeige nur „Blockbuster“, die viele Besucher bringen, begegnet Schröder mit der Einrichtung einer Dauerausstellung auf rund 3500m2. Im Oberstock entsteht ein neues Ausstellungsforum. Baubeginn: Frühjahr 2008. Die dort untergebrachten Büros übersiedeln in den nahen Hanuschhof.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2007)