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Gesundheit: „USA haben das ineffizienteste System“

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Höhere Ausgaben bringen nicht unbedingt ein längeres Leben.

ALPBACH. In Kuba und den USA haben die Menschen ungefähr dieselbe Lebenserwartung: Amerikanische Männer leben im Schnitt 75 Jahre, Frauen 80 Jahre. Die Werte für Kuba: 75 bzw. 79 Jahre. Die Gesundheitswesen sind offenbar ähnlich effektiv – aber in der Effizienz klafft ein gigantischer Unterschied: In den USA liegen die Gesundheitsausgaben bei 6096 Dollar je Kopf und Jahr, in Kuba nur bei 230 Dollar (siehe Tabelle).

Der US-Experte Robert Murphy hat für dieses beinahe unglaubliche Verhältnis zwei Erklärungen. Erstens: „Die USA haben das am stärksten fragmentierte und ineffizienteste Gesundheitssystem der Welt“, sagte Murphy, Professor an der Northwestern University (Chicago) und an der Harvard School of Public Health (Boston) bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen. Trotz den welthöchsten Gesundheitsausgaben habe ein Sechstel der Bevölkerung überhaupt keine Krankenversicherung. In dem Gestrüpp aus 1600 privaten Krankenversicherungen liege der Verwaltungskosten-Anteil bei imposanten 16 Prozent.

Der zweite Grund für die Diskrepanz ist fundamentaler: Die Versorgung der Bevölkerung mit grundlegenden Gesundheitsleistungen („Public Health“) ist gar nicht so teuer. Die Gewährleistung von sauberem Wasser, adäquater Lebensmittelversorgung sowie grundlegenden medizinischen Leistungen (einfacher Impfschutz, Antibiotika und Operationen) kostet in den meisten Ländern deutlich weniger als 1000 Dollar pro Kopf und Jahr. Wenn es selbst an diesen grundlegenden Dingen fehlt – etwa in Äthiopien mit Gesundheitsausgaben von nur sechs Dollar je Kopf und Jahr – hat das gravierende Konsequenzen: Die Lebenserwartung ist um beinahe 30 Jahre geringer.

Alles, was für die Gesundheit über das absolute Mindestmaß hinaus ausgegeben wird, hat jedenfalls einen vergleichsweise geringen Effekt. Murphy fand in seinen Studien drei Wirkungen: Die Lebenserwartung wird um zwei bis fünf Jahre erhöht; die Kindersterblichkeit sinkt um ein Drittel; und die Qualität der Gesundheitsversorgung – die freilich schwer messbar ist – wird besser.

Die Finanzierung dieser Mehrausgaben wird in allen Staaten immer schwieriger – nicht zuletzt deshalb, weil die Alterung der Gesellschaft die Kosten steigen lässt. Murphy findet es richtig, dass man sich nun in Österreich um mehr Effizienz im Gesundheitswesen bemüht. Aber die Debatte verläuft ihm zu einseitig. „Ich habe hier in Alpbach mindestens 30mal das Wort Effizienz gehört, aber von Innovation war kaum die Rede.“ Das sei ein Fehler – auch wenn innovative Behandlungen teuer sind. „Ich glaube, dass Innovationen das System am Ende billiger machen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.08.2007)