Interview. Pflegerl-Nachfolger Josef E. Koepplinger über Handwerk und Politik. Bürger schrecken will er nicht, "weil das nicht mehr geht."
Das Kapperl ist das Markenzeichen von Josef Ernst Koepplinger. Der 43-jährige Regisseur, der auch Schauspieler war („Ein grottenschlechter!“) und daher das rollende R wunderbar beherrscht, ist ab dieser Spielzeit Intendant des Klagenfurter Stadttheaters: Nicht einfach in die Fußstapfen des im Mai verstorbenen Dietmar Pflegerl zu treten, der 15 Jahre in Klagenfurt „regierte“, sich mit Kärntens Landeshauptmann Haider stritt, das Stadttheater modernisierte und mit internationalen Kooperationen aufwertete.
Pflegerl war über die Landesgrenzen hinaus eine Institution, gefragt als Regisseur und als Ratgeber in Kunstangelegenheiten. Aber auch Koepplinger hat viel internationale Erfahrung und vielfältige Talente. Mit fünf begann der Sohn eines Postbeamten und einer Krankenschwester, Klavier zu spielen. Er wollte Pianist werden, studierte aber dann Gesang, Musikpädagogik, Germanistik, Sport, sah sich um in Paris und London und lernte ein Jahr am traditionsreichen Lee Strasberg Institute in New York.
Das Schwierigste: Gepflegte Unterhaltung
Mit 22 Jahren wurde Koepplinger Hausregisseur in Regensburg. Die letzten drei Jahre war er Schauspielintendant in St.Gallen. Dem gebürtigen Niederösterreicher eilt der Ruf voraus, ein „wilder Mann“ zu sein: „Was heißt schon wild?“, fragt Koepplinger: „Das ist nicht etwas, was man mit bloßem Auge sieht. Eine Inszenierung kann ganz provokant sein und einem ins Gesicht schleudern, was alles reformiert werden muss – oder wie wir die furchtbaren Bürgerlichen schockieren wollen. In Wahrheit geht das heute nicht mehr. Die Geschichten, die wir erzählen, müssen handwerklich funktionieren. Alles andere ist Geschmackssache, subjektive Wahrnehmung, nicht messbar.“
Die neuen Theatermacher scheinen sich dem Publikumsgeschmack mehr anzupassen als die Sixties- und Post-Sixties-Generation: „Wenn ich jetzt behaupte, dass Theater für viele mein Ziel ist, dann hat das nichts mit Qualitätsverlust zu tun“, betont Koepplinger. Als er mit 24 in Regensburg eine Operette inszenieren sollte, war er zuerst nicht begeistert: „Ich als junger, dynamischer Mensch hatte mir etwas anderes vorgestellt, als das ,Land des Lächelns“ zu machen. Aber dann habe ich mir die Frage gestellt, was hat mir gefallen, was hat mir nicht gefallen, als ich in der Kinderzeit zur Operette ins Raimundtheater, in die Volksoper oder nach Baden geschleppt wurde. Ein Kind hat einen Instinkt für scheinbar überzeugendes Theater, ich möchte da jetzt gar nicht darauf eingehen, ob etwas gut oder schlecht ist. Entscheidend ist: Was berührt einen? Diese Operetten-Libretti sind ja in Wahrheit viel besser, als man denkt. Man muss den Humor, die Schärfe und die Aktualität darin entdecken.“ Eine weiteres wichtiges Ziel ist für Koepplinger, die Grenzen zwischen den Genres aufzuheben: „Ich habe als Gastdozent immer wieder versucht, Aufklärungsarbeit zu leisten und den Leuten zu sagen, es ist ein Bonus, wenn Sänger spielen und Schauspieler singen können, wenn ein Opernregisseur auch Musical und ernstes Schauspiel inszenieren kann. Aber dann habe ich es aufgegeben, weil ich mir dachte, das Wichtigste ist, dass ich es selbst weiß.“
Was ist der Unterschied zwischen ihm und Pflegerl? Koepplinger: „Ich bin politisch stiller, aber bestimmt nicht harmloser.“ Wie steht es mit den Finanzen, Pflegerl wurden Rücklagen entzogen? „Wir haben bei der ersten Sitzung jetzt einmal die Rücklagen für dieses Jahr bekommen, aber nicht für den Spielplan, sondern für Reparaturen und Anschaffungen wie etwa die Tonanlage. Die Budget-Valorisierung wird von den Mitgliedern des Theaterausschusses unterstützt.“ „Eros und Thanatos“ lautet das Motto von Koepplingers erster Spielzeit in Klagenfurt. Klingt ziemlich allgemein: „Ja, aber Liebe und Tod, das ist nun einmal der entscheidende Kampf.“ Das Publikum zieht das Heitere oft dem Tragischen vor: „Leider wird das Leichtfüßige vom Feuilleton meist wenig geschätzt. Dabei müssten gerade Kritiker wissen, dass das Schwierigste aller Genres die gepflegte Unterhaltung ist. Amüsement macht die Theater voll. Das schafft Sicherheit – und Spielraum für Riskantes.“
Jugendliche erarbeiten eine Aufführung
„Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss, die Eröffnungspremiere in Klagenfurt, inszeniert Koepplinger selbst. Es ist bereits seine 100.Inszenierung: „Da bin ich selber erschrocken.“ In der Folge sind u.a. geplant: „Rigoletto“ unter Berücksichtigung des „zu Verdis Zeiten zensurierten Inzest-Motivs“ (Rigoletto-Gilda); Birgit Doll spielt „Meisterklasse Maria Callas“, die am Wiener Volkstheater mit Andrea Eckert ein Riesenerfolg war, und Autor Joshua Sobol („Alma“) inszeniert sein Stück „Ghetto“.
Im Napoleon-Stadel können junge Menschen von 15 bis 25 Jahren ein Theaterstück erarbeiten, „damit sie sehen, wie schön, aber auch wie schwierig und hart es ist, Theater zu machen, und Respekt vor dem Unternehmen bekommen“, so Koepplinger.
THEATER KLAGENFURT NEU
Zur Eröffnung seiner ersten Saison lädt Intendant Köpplinger So., 2.9., ab 11h zum Theaterfest. Die erste Premiere, „Ariadne auf Naxos“, ist am 13.9. ? 0463/54064-0.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2007)