Klaus Bachler : „Lassen Sie mich ausreden!“

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Interview. Burgtheater-Direktor Klaus Bachler ist nach sechs Wochen Urlaub angriffig aufgelegt. Die Burg? „Europaweit führend!“, Reichenau: „Schmiere!“ Bregenz: „Disney-World!“ Wien: „Ein Wasserkopf!“, München: Toll.

Die Presse: Festivals wie Salzburg, Bregenz oder Reichenau haben über 90 Prozent Auslastung, auch die Wiener Staatsoper. Festspiele erwirtschaften über 70 Prozent ihrer Ausgaben, das Burgtheater 20 Prozent. Wieso?Klaus Bachler: Es ist ein großes Drama unserer Zeit, dass alle in der Kunst nur mehr über Zahlen reden. Es gibt keine inhaltlichen Diskussionen mehr. Wir haben eine Rekordauslastung im Burgtheater und bei einigen Vorstellungen auch 100 Prozent. Es ist ein großer Unterschied, ob man ein ganzjähriges Repertoiretheater hat oder ein Festival mit zehn Aufführungen. Unsere Ergebnisse sind europaweit führend.


Tut es Ihnen manchmal leid, dass Sie nicht Salzburger Festspielintendant geworden sind?

Bachler: Sicher nicht. Ich gehe jetzt langfristig nach München. Danach habe ich mit meinem Leben anderes vor. Die Salzburger Festspiele haben es schwer. Sie wollen den Event, die Elite, die Society, das Experiment. Wer alles will, will gar nichts. Das Zauberwort für Salzburg sollte Konzentration lauten. Die Bayreuther Festspiele haben auch Probleme, aber eines haben sie: die Kraft und Konzentration durch Richard Wagner. Man fragt nicht: Wofür ist das Ganze? Haben wir wieder mehr Zuschauer gehabt?


Aber tolle Zahlen sind wichtig für die meisten Events. Höher, größer, weiter, das ist bei Ausstellungen so, beim Film, im Theater...

Bachler: Ich halte es für äußerst dramatisch, dass nur mehr alles in Zahlen, sprich auf Eventebene, abgehandelt wird. Nehmen Sie Bregenz. Ein sympathisches Festival mit durchaus innovativen Ansätzen. Da wird "Tosca" gespielt, eine der besten Storys der Opernliteratur, ein Drei-Personen-Stück - und das wird sinnlos aufgeblasen zu einer Hollywood- und Disney-Geschichte.


Ein Gegenbeispiel ist Reichenau, da ist nichts spektakulär effekthascherisch.

Bachler: Reichenau, das ist die gute alte Sommerschmiere wie Teplitz-Schönau...


Aber hallo! Waren Sie dort schon mal? In Reichenau spielen Ihre Burgschauspieler.

Bachler: Lassen Sie mich ausreden! Gute Schauspieler stellen mit einem Minimum an Proben ein Stück auf die Bühne, zu ihrer Freude und der des Publikums. Das ist in Ordnung, aber sicher kein Weg für ein großes Theater wie, sagen wir, die Josefstadt.


Andrea Breth hat Ihnen in einem "profil"-Interview eine Breitseite verpasst. Sie hätte mehr Verständnis für ihre Krankheit erwartet. Ihr Shakespeare-Zyklus sei ästhetisch indifferent. Ihren Nachfolger, Matthias Hartmann, beurteilt sie sehr positiv. Waren Sie beleidigt?

Bachler: Ich denke, wenn eine Arbeitsbeziehung so intensiv war wie jene zwischen Andrea Breth und mir, sollte man ohne Schuldzuweisungen auseinandergehen und nicht alles in Frage stellen. Vielleicht sind das ja auch Trennungsschmerzen. Sachlich gesagt: Andrea Breth ist wieder gesund und wird am Burgtheater inszenieren ("Motortown" von Simon Stephens, Januar 2008).


Die Breth-Fans werden sagen, die Regisseurin hat hier tolle Inszenierungen gemacht, ihr Abgang wäre ein Verlust. Smarte Jungs wie Matthias Hartmann & Co. sind kein Ersatz.

Bachler: Da Breth erklärt hat, was für ein wunderbarer Intendant Hartmann ist, gehe ich davon aus, dass sie weiter hier arbeiten und die Kontinuität gewahrt bleiben wird.


Was halten Sie von Hartmann?

Bachler: Die Wahl ist in Ordnung. Hartmann hat Berufserfahrung, er hat Bochum gut gemacht, er macht jetzt Zürich. Er ist keiner, der Learning by Doing betreibt. Welche Fortüne er hat, wird man sehen.


Das Burgtheater lässt sich Zeit mit seinen ersten Premieren bis zur zweiten Septemberhälfte. Wollte man noch den Sommer genießen?

Bachler: Die "Lear"-Proben haben viel Zeit in Anspruch genommen. Daher konnten wir nicht so früh wie sonst mit den Vorproben der Repertoirevorstellungen für diese Saison anfangen. Eine Rolle spielt auch, dass Wien in der ersten Septemberhälfte eigentlich leer ist. In der zweiten fangen wir dann massiv an - mit gleich drei Premieren.


Wie entwickeln sich Ihre Vorbereitungen an der Bayerischen Staatsoper, wo Sie 2008 Intendant werden? Gibt es da Unterschiede, Parallelen zur Wiener Staatsoper. Können Sie schon ein paar Ihrer Projekte verraten?

Bachler: Nein. Der Spielplan wird im April 2008 präsentiert. Meiner Beobachtung nach ist das Publikum in München neugieriger und offener als in Wien. Die Stadt ist kleiner, leichter, durchlässiger, nicht so ein Wasserkopf. Ich will in München mehr Premieren haben, bisher sind es wie an der Wiener Staatsoper fünf, ich möchte acht machen. Zur Wiener Staatsoper: Die Bestellung der neuen Direktion war besser als die Politperformance, die dazu geführt hat. Kanzler und Ministerin haben sich doch gar zu offensichtlich mit unterschiedlichen Kandidaten beschäftigt. Der neue Staatsoperndirektor Dominique Meyer kommt von einem Haus, das vor allem Konzerte veranstaltet. Dass sich ein neues Führungsduo am Tag der Präsentation kennenlernt, halte ich für mutig. Ich glaube, Welser-Möst wird der unangefochtene Primus inter Pares sein. Es ist kein Fehler, wenn die Staatsoper wieder mehr in den Händen eines Dirigenten liegt.


Opern-, teils auch Schauspielhäuser gehen immer weniger Risiko ein, was vielleicht mit stärkerem wirtschaftlichen Druck durch die kaum mehr erhöhten Subventionen zu tun hat. Was heißt das für die Kunst? Ist in der Oper nicht sowieso die Musik das Wichtigste?

Bachler: Oper ist Theater. Auf die Musik allein kommt es im Konzert an. Auf der Opernbühne müssen Musik und Szene die Geschichte erzählen. Reibung und Provokation sind wichtig. Es wird oft vergessen, dass die Operngeschichte voll ist mit Randalen und Skandalen. Fast jede Verdi-Premiere hat die Leute zunächst tief schockiert. Zum Wirtschaftlichen: Wir haben am Burgtheater in den letzten acht Jahren Struktur, Arbeitsabläufe, Arbeitsbedingungen stark verbessert. Das mache ich jetzt auch in München. Diese Reformen interessieren zwar das Publikum nicht, brauchen es auch nicht zu interessieren, aber sie sind sehr wichtig für die Außenwirkung einer Bühne.


Wie steht es mit den Finanzen der Bundestheater? Es kommt mehr Geld, aber offenbar nicht genug. Ist die Politik kulturfreundlicher geworden, oder sieht sie nur so aus?

Bachler: Die Bundestheater brauchen mehr Geld. Sonst sinkt die Qualität. Die Einnahmen im Burgtheater wird man nicht steigern können, auch nicht die Kartenpreise, die hoch genug sind für ein öffentliches Theater. Wenn es keine Valorisierung gibt, wird es sehr schwierig. Es ist erstaunlich, wie viele Kulturaktivitäten der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll setzt. Er scheint als Einziger zu kapieren, was die Verbindung von Kultur und Politik für einen Stellenwert haben kann. Er sagt, da machen wir etwas im Land und dort Nitsch-Museum, Festivals. Überall wächst etwas, und man merkt: Da steht einer im Rahmen seiner Möglichkeiten dafür ein.


Das Burgtheater hat ein sehr breit gestreutes Programm, ohne dass man sagen könnte: Da ist eine Linie oder ein Motto, wie in Frankfurt "Achtung Gefühl". Außerdem nimmt sich Theater selten brandaktueller Themen an.

Bachler: Das Theater ist eine fundamentalistische Kunst und nicht Alltagskultur. Die zentralen Themen des Menschen sind letztlich gleichbleibend. Die Kunst kommt von den Künstlern, da braucht es kein Motto. Der Vorwurf der Beliebigkeit ist ungerechtfertigt. Die Burg ist das größte europäische Theater. Alles, was im deutschsprachigen Raum ästhetisch und stilistisch wesentlich ist, findet hier statt. Wir sind kraftvoll, und weil man uns mit nichts anderem an den Karren fahren kann, sagt man halt: Ihr seid beliebig. Das ist, als würde man beim AKH fragen, warum es eine Herzstation, eine Chirurgie, eine Neurologie braucht - und wieso man nicht mit einer einzigen Klinik auskommt. Solche Urteile sind lächerlich.

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