Gesucht: Generalist mit Spezialwissen

JOBS IN DER IMMO-BRANCHE. Der Bedarf und die Anforderungen an die Mitarbeiter steigen, die Grenzen zwischen den Berufsbildern verschwimmen.

Sie gilt als eine Schlüsselökonomie der Volkswirtschaft mit starken Auswirkungen auf viele Branchen, vom Baugewerbe bis zu Maklern, Anwälten und Notaren. Und sie boomt, trotz US-Krise: die heimische Immobilienwirtschaft. Spätestens seit dem Beitritt zur EU 1995 und der Ost-Öffnung wurde Österreich schlagartig vom Außenseiter zu einem der Liebkinder internationaler Immobilienfonds. Was sich auch in drastisch gestiegenen Anforderungen an die beruflichen Fähigkeiten im Immobiliensektor bemerkbar macht.


Verdrängungswettbewerb

„Bedingt durch das stark gewachsene Angebot an Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, hat ein Verdrängungswettbewerb eingesetzt. Gut ausgebildete Experten laufen schlecht ausgebildeten Kräften den Rang ab“, bemerkt Otto Bammer, Gerichtssachverständiger und „Immobilienwirtschaft“-Studiengangsleiter an der Fachhochschule Wien. Der Immobilienkunde werde immer anspruchsvoller und erwarte, während der gesamten Transaktion von ein und demselben Berater entsprechend kompetent betreut zu werden. Das sei „eine große Chance für jene, die sich dieser Erwartungshaltung stellen, und das absehbare Ende für die, die glauben, weiterhin ohne ausreichende Kompetenz auszukommen“.


Technik, Wirtschaft, Recht

Gesucht werden Immobilienprofis, die den Gesamtüberblick bewahren und mit Fachwissen in allen immobilienspezifischen Bereichen – wirtschaftlichen, rechtlichen und technischen – aufwarten können. Zudem wird dem Immobiliengeneralisten ein steigendes Maß an sozialer Kompetenz abverlangt.

Klaus Lettenbichler vom Department Bauen und Umwelt der Donau-Universität Krems beobachtet in der Branche derzeit ein Auflösen der traditionellen Berufsbilder: „Die früher getrennten Aufgaben des Entwickelns, Planens, Bauens, Betreibens und Verwaltens werden verschieden kombiniert, um wettbewerbsfähiger zu sein.“ Nötig sei das, weil sich die Kunden nicht mehr mit Einzelleistungen zufriedengeben. Gefragt seien transdisziplinäre Ansätze. „In unseren Lehrgängen sitzen Architekten und Gebäudetechniker neben Hausverwaltern, technischen Betriebsführern, Objektmanagern kommunaler Einrichtungen, Leitern von Facility-Services-Anbietern oder Führungskräften von Liegenschaftsabteilungen.“


Denken in Zusammenhängen

Unterschied man noch vor wenigen Jahren grundlegend zwischen rechtlichen und rechnerischen Tätigkeiten, steht heute in der Ausbildung die Vermittlung von gesamtökonomischen Zusammenhängen im Vordergrund. Gelehrt wird Immobilienwirtschaft in Verbindung mit Marketing, Rechnungswesen oder Vermögens- und Finanzberatung. So wurden etwa im einschlägigen Lehrgang der TU Wien Projektfeasibility (Aufgaben, Strategien und Probleme der Immobilienprojektentwicklung) oder Portfolio- und Risikomanagement (Übersicht über die Beziehung zwischen Immobilien und Kapitalmarkt) in den Studienplan aufgenommen.

Die Branche generiert auch laufend neue Berufsbilder wie den Outlet- und Shoppingcenter-Manager, den Corporate-Real-Estate Manager, den Facility-Management-Planungsbegleiter und Spezialisten für Due-Diligence-Analysen von Gebäuden in technischer, rechtlicher, kaufmännischer und infrastruktureller Sicht. Das wird wohl auch künftig so weitergehen, denn in einigen Bereichen gibt es immer noch Nachholbedarf. Bammer nennt ein Beispiel: „Meiner Meinung nach mangelt es an Immobilienkonsulenten, die weder Makler, Verwalter noch Bauträger sind und deren Aufgabe es sein sollte, unabhängig zu beraten. Natürlich führen viele Immobilientreuhänder derartige Beratungen durch. Hier besteht aber ein wesentlich größerer Bedarf, als derzeit allgemein bewusst ist.“

BESCHÄFTIGUNG

5700 Gewerbeberechtigungen als Immobilienverwalter, - makler und Bauträger sind in Österreich aktuell vergeben.

Rund 20.000 Mitarbeiter mit Kernkompetenz „Immobilien“ sind nach Schätzungen in der heimischen Immobilienbranche beschäftigt. Tendenz seit etwa zehn Jahren steigend – nicht sprunghaft, aber stetig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2007)