Die armen Mündel

Würde Sie Meinl European Land Ihre Pensionsvorsorge anvertrauen?

Nicht wenige Leser wollten in den vergangenen Tagen in Zusammenhang mit den Vorgängen um die Meinl European Land wissen: „Prime Market“ – ist das nicht das Wiener Börsesegment, in dem heimische Pensions- und Mitarbeitervorsorgekassen bis zu 40 Prozent ihrer Beiträge veranlagen dürfen?

Ist es. Und ja: Das ist auch das Segment, in dem ein Unternehmen notiert, das sich keinen Deut um Corporate Governance Regeln schert, das österreichische Börsegesetz nicht ganz akzeptiert („zu 99 Prozent“, wie der Oberboss zu scherzen beliebt), das nicht nur Kleinanleger, sondern auch das eigene Management (und die FMA) bei wichtigen, kursrelevanten Informationen dumm sterben ließ. Dessen kontrollierende Stimmrechtsmehrheit von 33 Prozent aus fast gratis ausgegebenen „Partly Paid Shares“ besteht, deren letzte konkrete Spur sich im Februar dieses Jahres in einem karibischen Briefkasten verliert.

Ganz ehrlich: Würden Sie ein solches Papier in ihrem Pensions-Vorsorgeportfolio haben wollen? Nein? Und sie fragen sich, was ein Zertifikat auf eine derartige Aktie im obersten Segment einer zivilisierten Börse zu suchen hat und wie es dort hin gekommen ist? Nun: Das haben wir natürlich die Börse und die FMA auch gefragt. Die wissen das aber auch nicht so schlüssig, sie prüfen nämlich gerade.

Sehr streng, hoffentlich. Denn das am Wiener Markt herumgeisternde böse Gerücht, dass das auch mit persönlichen Connections zu tun haben könnte (alle relevanten Top-Positionen im Kapitalmarkt sind in der Finanzminister-Ära des jetzigen Meinl-Managers Karl-Heinz Grasser besetzt worden) ist ja wohl ein solches.

Das eigentlich Faszinierende an der Sache liegt aber jenseits des Börserechts: Die Behörden haben ruhig zugesehen, wie MEL bei Kleinanlegern als „mündelsicher“ beworben wurde. Auf Basis eines Auftragsgutachtens eines Universitätsdozenten Göth, der zwar offensichtlich nicht genau wusste, worüber er da gegen Honorar gutachtete (im Papier ist die Rede von Aktien, die Anteilsrechte an der MEL verbriefen, nicht von Zertifikaten auf solche Aktien). Der aber fand, das Immobilienpapier sei „eingeschränkt mündelsicher“. Ein mündelsicheres Jersey-Aktienzertifikat! Jetzt, nach fast 40 Prozent Wertverlust, muss man sagen: die armen Mündel.


josef.urschitz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2007)

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